Auf allzu großen Jubel verzichtete er aus Respekt, Zeit für kleine Späßchen musste dennoch sein. "Heul nicht so", rief Sascha Zverev seinem Vater auf der Tribüne zu, der sich Freudentränen nach Zverevs fulminantem 6:2, 6:3-Finalerfolg über dessen Kindheitsfreund und ehemaligen Junioren-Doppelpartner Andrej Rublew beim ATP-Masters-1000-Turnier in Cincinnati nicht verkneifen konnte; danach gab’s auch noch Geburtstagswünsche für Bruder Mischa.

Die aus Russland 1991 nach Hamburg übersiedelte Familie – sechs Jahre später wurde Sascha Zverev ebendort geboren – war stets ein wichtiger Rückhalt für den Deutschen; alle kommen sie aus dem Tennissport, alle waren sie dabei, als dem mit Abstand erfolgreichstem Spross der Dynastie auch in Deutschland bisweilen vorgeworfen worden war, zu lasch mit seinem unzweifelhaften Können umzugehen. Und alle werden sie dabei sein, wenn Zverev ab kommender Woche bei den US Open in New York seinem nächsten großen Ziel hinterherjagt: seinem ersten Titel bei einem Grand-Slam-Turnier.

Historischer Olympiasieg

Die Zweifel, dass er das schaffen kann, hat Zverev wenn nicht schon längst, so spätestens in diesem Jahr ausgeräumt, da tut es nichts zur Sache, dass in Dominic Thiem, dem er in einem epischen Endspiel im Vorjahr nach Zweisatz-Führung noch im Tiebreak des Entscheidungsdurchgangs unterlegen war, und dem 20-fachen Major-Sieger Rafael Nadal zwei potenzielle Konkurrenten verletzungsbedingt fehlen. Seit seinem Achtelfinal-Aus in Wimbledon vor sieben Wochen hat der 24-Jährige alle seine Spiele gewonnen, elf waren es an der Zahl. Und es waren nicht irgendwelche. Auf dem Weg zu seinem Olympiasieg, dem ersten Gold im Einzelbewerb bei den Herren überhaupt für Deutschland – bei den Damen hatte dies bisher nur Steffi Graf geschafft – hatte er Novak Djokovic den Traum vom Golden Slam vermasselt, im Finale blieb er gegen Karen Chatschanow gemessen an der Größe des Augenblicks erstaunlich ruhig.

Und auch in Cincinnati trug sich Zverev gewissermaßen in die Geschichtsbücher ein: Schließlich war es beim wichtigsten Vorbereitungsturnier auf die US Open der erste Sieg eines Deutschen seit Boris Becker 1985. Mit seinem insgesamt fünften Titel in der Masters-1000-Kategorie zog er mit Becker gleich.

Davon, dass er nun auch in einem Atemzug mit dem seit seinem enttäuschenden Olympia-Ausscheiden pausierenden Weltranglistenersten Djokovic genannt wird, wenn es um die Topfavoriten für New York geht, will Zverev aber nichts wissen. Zwar sei es "ein unglaubliches Gefühl", so in die US Open zu gehen, "aber ich denke, Novak wird zurück sein. Er ist frisch und bestimmt Favorit", sagte er nach seinem Sieg über Rublew – fügte allerdings hinzu: "Aber andere sind auch in guter Form: Rublew, (Daniil) Medwedew, (Stefanos) Tsitsipas – sie alle spielen großartiges Tennis."

"Spannende Zeit im Tennis"

Das tut natürlich auch er selbst. Nachdem er in einem dramatischen Halbfinale gegen Tsitsipas noch mit Kämpferherz beeindruckt hatte, setzte er Rublew diesmal von Anfang an vor allem von der Grundlinie unter Druck und verwertete seine Chancen eiskalt. "Ich bin dankbar für die Woche, die ich hier hatte. Das Finale lief nicht nach Wunsch, aber Alexander hat unglaublich gespielt", befand sein unterlegener Gegner. Und trotz aller demonstrativer Bescheidenheit klangen dann auch die weiteren Worte des Siegers nach einer Kampfansage: "Ich weiß, wo ich stehe, ich weiß, wie ich spiele. Daran will ich weiter arbeiten und hoffentlich bei den US Open noch besser spielen", sagte er. Dann wäre auch der erste Grand-Slam-Erfolg für den Weltranglistenvierten keine große Überraschung – obwohl er es bisher erst einmal, eben im Vorjahr in Flushing Meadows – ins Finale eines Majors geschafft hatte.

Dafür, von einer Wachablöse im Tennis zu sprechen, sei es freilich immer noch zu früh, eine "sehr spannende Zeit" sieht Zverev dennoch. "Die anderen (Älteren, Anm.) sind immer noch da. Novak ist noch immer Nummer eins, und ich denke, auch Rafa wird wiedererstarkt zurückkommen. Aber auch die Jungen wirken sehr stark", meinte er. "Die nächsten Jahre werden spannend zu sehen sein." Vielleicht auch schon die nächsten Wochen. Familie Zverev würde es freuen.