Richard Hainfellner ist nervös. Eineinhalb Jahre hatte der Obmann des Wintersportvereins Payerbach, kurz WSV, auf diesen Tag gewartet, und nun ist es so weit. Am Samstag startet der Traditionsverein (seit 1903) mit Sitz in Payerbach im südlichen Niederösterreich nach eineinhalb Jahren Zwangspause sein erstes "großes Event": den legendären "Rax-Lauf", beginnend bei der Talstation der Rax-Seilbahn über den Knappenberg bis in 1.500 Meter Seehöhe. Und die Anzahl der Nennungen kann sich durchaus sehen lassen: Per 2. September waren 105 Athletinnen und Athleten - 85 nehmen die Bergstrecke, 20 den ebenfalls angebotenen "Plateau-Lauf" in Angriff - angemeldet, nicht wenige reisen sogar aus Wien und der Steiermark an.

Richard Hainfellner ist über das Interesse glücklich, ja er wirkt beinahe überrascht. Ist das etwa schon der erste Schritt zurück zur Normalität? Die Antwort des Obmanns fällt deutlich aus: "Nein." Man dürfe nicht vergessen, sagt er, dass Laufen - ebenso wie das Rad- und Skifahren - ein Einzelsport und im Unterschied zu den Teamsportarten leichter "handlebar" sei. Nur kann sich der WSV, der zwar eine eigene Rad- und Skisektion hat, aber zuletzt zwei "komplett tote" Saisonen hinter sich gebracht hat, nichts darum kaufen. Wie es im Herbst und Winter weitergeht, steht in den Sternen - ebenso die Kinder- und Jugendarbeit. Durch den Corona-bedingten Ausfall des "Kinderturnens", das der WSV gemeinsam mit den Schulen angeboten hat, habe man in den vergangenen Jahren kaum Nachwuchs generieren können, sagt Hainfellner, weswegen auch aktuell nur ein einziger Jugendlicher im Verein aktiv sei.

Neu ist das Thema nicht. Schon im Februar des Jahres hatte der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter vor den Begleiterkrankungen im Lockdown - Bewegungsmangel und Inaktivität - und vor "volksgesundheitlichen Problemen in den nächsten Jahrzehnten" gewarnt. "Das muss man bekämpfen. Kinder und Jugendliche gehören raus aus ihrem Bewegungs-Lockdown, aus dem sozialen Lockdown!"

In dieselbe Kerbe schlug auch zuletzt Sport-Austria-Chef Hans Niessl. Auch er berichtete von "alarmierend sinkenden Mitgliederzahlen" - insbesondere bei den Teamsportarten - und warnte davor, dass "ganze Jahrgänge bei Jugendlichen und Kindern" verloren gehen könnten. Als im März den rund 15.000 heimischen Sportvereinen wieder die sportliche Betätigung erlaubt wurde, war die Freude trotz lästiger Hygieneregeln und Testungen groß. Heute, ein halbes Jahr später, tritt bei manchen aber wieder Ernüchterung ein.

Geld- und Personalsorgen

So auch beim Obmann des Fußballvereins ASK Payerbach-Schlöglmühl, Hans Hofer. Dass der Klub ausgerechnet im 70. Jahr seines Bestehens aufgrund großer personeller und finanzieller Probleme vor dem Aus stehen könnte, ist für den Funktionär doppelt bitter. Dabei ist die Malaise nicht allein auf die Corona-Krise zurückzuführen, vielmehr hat sie den drohenden Niedergang zusätzlich beschleunigt. "Die Vereinsverbundenheit ist nicht mehr gegeben", sagt Hofer und rechnet vor, dass von 40 Spielern nur noch 5 bis 10 aus der Ortschaft kommen. "Der Rest sind Auswärtige oder Legionäre. Das ist finanziell nur sehr schwer zu packen." Und: "Es gibt nur mehr wenige Idealisten." Dabei hat Hofer nichts unversucht gelassen, um den Verein, der derzeit in der 2. Klasse Wechsel spielt, wieder in die Höhe zu bringen. Nicht nur hat man die Ausbildung der Jugend, die seit Jahren in den Händen einer professionellen Spielgemeinschaft (SPG) liegt, forciert, sondern auch mit dem ebenfalls strauchelnden Nachbarklub FC Schottwien eine SPG gegründet.

Kreativ war man zudem bei der Erschließung neuer Geldquellen wie dem sogenannten "100er-Klub", der jedem Mitglied, das bereit ist, das Team mit 100 Euro jährlich zu sponsern, Vorteile wie freien Eintritt oder ein Getränk gewährt. Selbstverständlich hat Hofer auch beim Non-Profit-Fonds der Bundesregierung um Unterstützung angesucht. "Diese Förderung war von der Höhe her absolut in Ordnung und hilft uns sehr, dass wir weitermachen können", sagt er. Wie lange noch, wird sich weisen.

So oder so wäre eine Sistierung des Spielbetriebs aber ein Verlust, ist doch der von den Vereinen erbrachte gesellschaftliche Mehrwert nachweislich hoch. Wie eine von der Sportunion in Auftrag gegebene Studie belegt, kommt jeder in Sportvereinen investierte Euro 14-fach in der Gesellschaft an, werden also mit den vorhandenen Vereinsbudgets in der Höhe von 538 Millionen Euro rund 7,65 Milliarden Euro generiert. Von der besseren Fitness und Gesundheit sporttreibender Menschen profitiert nicht zuletzt das Gesundheitssystem, das auf die Weise um 1,45 Milliarden Euro entlastet wird. Verglichen dazu erscheinen die 80 Millionen Euro, die von der Regierung für den Non-Profit-Fonds aufgewendet wurden, nahezu wie Peanuts.

Ausnahme American Football

Um öffentliche Mittel angesucht hat auch der Payerbacher American-Football-Verein Black Valley Wild. Bemerkenswert ist hier nur, dass der Klub im Gegensatz zu Hofers Kickern fast unbeschadet durch die Corona-Krise gekommen zu sein scheint. "Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen", bestätigt Obmann Jochen Bous. Dass vom 40 Mann starken Kader noch 30 spielen, führt er zum einen auf die Attraktivität des Trendsports hier in Österreich, zum anderen auf die Arbeit des Betreuungsteams zurück. Eine Rolle spielt freilich die Tatsache, dass die Black Valley Wild im September ihr Liga-Debüt in der Division 4 feiern. Entsprechend gut läuft es daher auch beim Nachwuchs. "Wir sind mit der Mittelschule eine Kooperation eingegangen und waren noch nie so stark wie jetzt", sagt Bous.

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie bilden die Wild freilich die Ausnahme. Was das Beispiel Payerbach aber zeigt, ist, dass selbst in einer kleinen Gemeinde Sportklubs erfolgreich sein können und die Annahme, dass "die Jugend" durch Corona das Sporteln verlernt hat, nicht unbedingt so stimmt. Das verrät beispielsweise auch ein kurzer Blick auf die "Rax-Lauf"-Starterliste im Internet. Mehr als ein Drittel der Genannten ist unter 30 Jahre alt.