Sie ist eine jener "jungen Wilden", die diesen Tennis-US-Open den Stempel aufdrücken, und das trifft es eigentlich ganz gut - und auch wieder nicht.

Denn auf der einen Seite stehen eine Unbekümmertheit und Lockerheit, mit der Emma Raducanu das Publikum verzaubert (zumindest so lange sie nicht nonchalant eine Lokalmatadorin aus dem Bewerb wirft, wie sie das im Achtelfinale mit Shelby Rogers tat), auf der anderen Disziplin und Ehrgeiz, die sie wie eine routinierte Größe ihres Fachs wirken lassen. Ihr Credo: "Jedes Mal, wenn ich auf den Platz gehe, sage ich mir: Warum nicht? Eine muss ja weiterkommen, warum also nicht ich?"

Dabei ist Raducanu gerade einmal 18 Jahre alt. Als sie im November 2002 geboren wurde, war bereits mehr als ein Vierteljahrhundert verstrichen, seit zum bis heute letzten Mal eine ihrer britischen Landsfrauen ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte. Virginia Wade, fünf Jahre davor auch schon Siegerin bei den Australian Open, war das, 1977, außer ihr konnten sich aus Großbritannien nur Sue Baker (French Open 1976) und Ann Hayden-Jones (Wimbledon 1969) in der offenen Profiära in die Major-Siegerlisten im Damen-Einzel eintragen.

Von Raducanu, die vor kurzem noch jenseits der Top 300 in der Weltrangliste stand und das Turnier in New York von Rang 150 aus in Angriff genommen hat, wäre es wohl zuviel verlangt, jetzt oder in naher Zukunft in diese Fußstapfen zu treten.

"Ich denke mir immer: Eine muss ja weiterkommen. Warum nicht ich?"

Emma Raducanu

Wiewohl sie bisher nur so durch die Qualifikation und den Hauptbewerb gerauscht ist, sich auch beim 6:2, 6:1 gegen Rogers keine Nervosität anmerken ließ, geht sie auch gegen Belinda Bencic, die Olympiasiegerin, als Außenseiterin auf den Platz.

Trotzdem feiern sie die Briten bereits als Superstar, seit sie in Wimbledon bis ins Achtelfinale gekommen und damit bei einer breiten Masse an Tennis-Interessierten vorstellig geworden ist. Ihr erster großer Erfolg fand freilich schon viel früher und auf kleinerer Bühne statt: Mit 13 Jahren wurde sie die jüngste Siegerin bei einem ITF-Turnier der Unter-18-Jährigen.

Schon in Wimbledon begeisterte sie als jüngste britische Spielerin der offenen Ära im Achtelfinale die Massen. 
- © afp / aeltc / Ben Queenborough

Schon in Wimbledon begeisterte sie als jüngste britische Spielerin der offenen Ära im Achtelfinale die Massen.

- © afp / aeltc / Ben Queenborough

Dass Raducanu bei aller Spontaneität, die sie auf dem Platz zeigt, wenn sie Powerschlägen Zauberbälle folgen lässt, reif wirkt für ihr Alter, liegt aber nicht nur an ihrem Tennis-spezifischen Können, ihrem Talent gepaart mit Arbeitsethos. Es hat auch viel mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun. Ihr Vater ist Rumäne, ihre Mutter Chinesin, sie selbst wurde in Toronto, Kanada, geboren, ehe die Familie 2004 nach Großbritannien übersiedelte.

Raducanu ist eine Weltenbummlerin, der das Reisen von Turnier zu Turnier nichts ausmacht und die unterschiedliche Kulturen mit demselben Interesse aufsaugt, wie sie das mit den Ratschlägen ihrer Betreuer tut.

"Ganz ehrlich? Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt."

Raducanu-Trainer Nigel Sears

Der Hauptverantwortliche von ihnen ist ebenfalls kein Unbekannter: Nigel Sears, Schwiegervater von Großbritanniens bisher letztem Herren-Grand-Slam-Sieger Andy Murray, Ex-Trainer von Daniela Hantuchova und Ana Ivanovic. Schon in Wimbledon sagte Sears, auf die Zukunftsaussichten Raducanus angesprochen: "Ganz ehrlich, nach oben sind keine Grenzen gesetzt."

Während bei den Herren Topfavorit Novak Djokovic nach dem Grand Slam greift - nach einem Viersatzsieg über Jenson Brooksby bekommt er es im Viertelfinale mit Matteo Berrettini zu tun -, ist bei den Damen auf jeden Fall schon sicher, dass es ein neues Major-Siegergesicht geben wird. Und auch wenn es doch ein bisserl sehr wagemutig wäre, es auszusprechen, so ist es durchaus möglich, dass sich Emma Raducanu im Stillen denken wird: Warum eigentlich nicht ich?