Es ist gut möglich, dass am Ende dieser US Open kein kanadischer Tennisspieler und keine kanadische Tennisspielerin den Pokal in die Höhe halten wird; der Papierform nach ist es sogar sehr wahrscheinlich. Doch Papier ist bekanntlich geduldig, es steht dort ja auch, dass Eishockey, Wintersport im Generellen, dazu Baseball und Basketball in der Beliebtheitsliste der Kanadier eindeutig weiter oben angesiedelt sind als Tennis.

Doch jetzt kommen sie in dem 38-Millionen-Einwohner-Land gar nicht heraus aus dem Feiern zweier junger Spieler dieser Branche. Felix Auger-Aliassime und Leylah Fernandez, er 21, sie gerade 19 Jahre alt geworden, beide aus Montreal, stehen in New York im Halbfinale, damit ist Kanada das erste Mal bei beiden Geschlechtern im Einzel gemeinsam in der Vorschlussrunde vertreten. Dorthin schaffte es am Mittwoch auch die 18-jährige Britin Emma Raducanu, sie schaltete nach seinem Durchmarsch aus der Qualifikation auch die Schweizerin Belinda Bencic mit 6:3, 6:4 aus.

Felix Auger-Aliassime ist der erste Kanadier im Männer-Einzel der US Open. - © afp / getty images / Matthew Stockman
Felix Auger-Aliassime ist der erste Kanadier im Männer-Einzel der US Open. - © afp / getty images / Matthew Stockman

Die Luft wird nun freilich dünner für die Jungstars, Raducanu bekommt es mit der Griechin Maria Sakkari zu tun, die Karolina Pliskova mit einer famosen Leistung mit 6:4, 6:4 eliminierte. Bei den Herren machten Novak Djokovic (mit einem Viersatzsieg über den starken Daniil Medwedew) und Sascha Zverev (in drei Sätzen gegen Lloyd Harris) das Traum-Halbfinale perfekt. Und auch auf die beiden Kanadier warten in Daniil Medwedew beziehungsweise Aryna Sabalenka Hürden, die sich als höher erweisen könnten als der eher niedrige Mont Royal, der der Heimatstadt der beiden Überraschungsspieler ihren Namen gibt.

Immerhin bekleiden die Gegner jeweils die Nummer zwei der Welt. Dennoch: Würde Fernandez oder Auger-Aliassime, würden sie vielleicht sogar beide, ins Finale einziehen - es wäre nicht die erste Überraschung bei diesem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres.

"Ich habe immer versucht, an mich zu glauben", sagte Fernandez beim Siegerinterview nach dem 6:3, 3:6, 7:6 über Jelina Switolina, nach dem sie auch noch Energie für ein kleines Scherzchen hatte. Auf die Frage, was sie so stark mache, sprudelte es nur so aus ihr heraus: "Ich denke, es ist der Ahornsirup."

Schlagfertigkeit beschränkt sich eben nicht nur aufs Tennis; und es ist auch diese Art, die Fernandez und auch ihr männliches Pendant geeignet erscheinen lassen, dem kanadischen Tennis einen weiteren Boost zu verleihen.

Aus dem Nichts heraus kommen die Erfolge aber nicht. Nicht nur, dass Auger-Aliassime schon in der Jugend einige Rekorde gebrochen hat - mit 14 war er der jüngste Spieler, der ein Match auf der Challenge-Tour gewonnen hat, mit 19 der jüngste Finalist bei einem ATP-500-Turnier -, sich in den beiden vergangenen Jahren sukzessive nach oben gearbeitet und mittlerweile auf Rang 15 der Welt eingenistet hat, so haben beide auch viele kanadische Vorbilder.

Denn das Land, in dem neben Ahornsirup vor allem Eishockey als nationales Heiligtum betrachtet wird, mag erst eine Grand-Slam-Siegerin hervorgebracht haben - vor zwei Jahren triumphierte Bianca Andreescu an selber Stätte -, gerade im vergangenen Jahrzehnt haben sich aber viele ihrer Landsleute zumindest an die erweiterte Spitze katapultiert.

Bianca Andreescu hat 2019 den ersten und bisher einzigen Einzel-Grand-Slam-Titel für Kanada geholt. 
- © afp / getty images / Sarah Stier

Bianca Andreescu hat 2019 den ersten und bisher einzigen Einzel-Grand-Slam-Titel für Kanada geholt.

- © afp / getty images / Sarah Stier

Die zuletzt von Verletzungen geplagte Eugenie Bouchard stand in ihrem stärksten Jahr 2014 mit 20 in zwei Grand-Slam-Semifinali, in Wimbledon sogar im Endspiel und auf Platz fünf der Weltrangliste, Milos Raonic 2016 ebenfalls im Wimbledon-Finale und auf Rang drei der Welt.

Die Frage, ob er sich als einer der Wegbereiter der neuen Generation, zu der trotz ihres frühen New-York-Ausscheidens auch Andreescu und der Weltranglistenzehnte Denis Shapovalov zählen, bezeichnen würde, beantwortet Raonic mit einem eindeutigen "Jein".

Milos Raonic war 2016 im Wimbledon-Finale. 
- © afp / David Gray

Milos Raonic war 2016 im Wimbledon-Finale.

- © afp / David Gray

Weg-Begleiter trifft’s da schon eher. Zur englischen Zeitung "The Guardian" sagte er heuer: Als er und Bouchard ihre größten Erfolge feierten, hätten ihre Nachfolger ja bereits Tennis gespielt. Vielleicht aber seien sie durch sie im Glauben bestärkt worden, "dass man es als Kanadier schaffen kann", sagte der Mann, dem zweimal die nicht ganz selbstverständliche Ehre zuteilgeworden ist, als Kanadas Sportler des Jahres ausgezeichnet zu werden.

Was freilich auffällt, ist, dass viele derjenigen, die es nach oben geschafft haben, migrantischer Herkunft sind: Raonic wurde im heutigen Montenegro geboren, Andreescu ist die Tochter rumänischer Einwanderer, Shapovalov kam in Israel zur Welt, wohin seine Eltern aus der damaligen Sowjetunion geflüchtet waren. Auger-Aliassimes Vater kommt aus Togo, und Fernandez hat außer kanadischen mütterlicherseits auch philippinische und väterlicherseits ecuadorianische Wurzeln.

"Dass viele der kanadischen Spieler migrantische Herkunft haben, ist ein Spiegel der multiethnischen Gesellschaft."

Die Erfolge der - in Analogie zum Skisport - "Crazy Young Canucks" - aber darauf zurückzuführen, wäre freilich zu kurz gegriffen, schließlich spiegelt sich darin auch die multiethnische Gesellschaft Kanadas wider.

Und dafür sind auch die einzelnen Geschichten zu unterschiedlich - was vielleicht eher eine Rolle für den Aufschwung des kanadischen Tennis spielt. Denn der Verband, der durch die Rogers-Cup-Turniere nicht wenig Geld einnimmt, fördert seine Talente zweigleisig: Zum einen im 2007 errichteten nationalen Zentrum in Montreal, zum anderen auch durch finanzielle Zuwendungen und den Kontakt zu renommierten Trainern für individuelles Training außerhalb.

"Ein kleines Mädchen und ein kleiner Bub, beide aus Montreal, im Halbfinale - unglaublich."

Felix Auger-Aliassime

Eine ultimative Erklärung, warum es nun gar so gut läuft, hat aber, sieht man einmal vom Ahornsirup ab, weder Fernandez, noch Auger-Aliassime. Der sagt nur: "Ein kleines Mädchen und ein kleiner Bub, beide aus Montreal, beide zum gleichen Zeitpunkt im Halbfinale der US Open - unglaublich."

Man könnte genauso sagen: ein Bursch und ein Mädchen, ein junger Mann und eine junge Frau, die gerade (kanadische) Tennisgeschichte schreiben. Auch wenn jene von einem (weiteren) Grand-Slam-Sieg (noch) auf einem anderen Blatt Papier steht.

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde nach den Mittwochspielen aktualisiert.