Die Letzten werden die Ersten sein: Was im richtigen Leben kaum passiert, ist in der NFL, wie in Nordamerika in allen Teamsportarten, seit jeher Usus. Jedes Jahr dürfen sich die in der jeweiligen Vorsaison schlechtesten Mannschaften damit trösten, beim sogenannten Draft, im Rahmen dessen man sich die talentiertesten Nachwuchskräfte sichern kann, auf nämliche das erste Zugriffsrecht zu haben.

Nutznießer dieses Systems sind heuer unter anderem die Jacksonville Jaguars, mit einer Bilanz von einem Sieg und fünfzehn Niederlagen eine geradezu beeindruckend schlechte Partie. Mit ihrem ersten Draft Pick sicherten sie sich Ende April die Dienste des Quarterbacks Trevor Lawrence, der im Laufe seiner College-Karriere mit Clemson unter anderem zum besten Amateurspieler der USA gewählt wurde. Auch wenn der Motor zuerst noch stotterte, scheint der erst 21 Jahre alte Blondschopf seinen Rhythmus mittlerweile gefunden zu haben.

Trevor Lawrence soll den Jacksonville Jaguars auf die Beine helfen. 
- © Getty Images via AFP

Trevor Lawrence soll den Jacksonville Jaguars auf die Beine helfen.

- © Getty Images via AFP

Beim letzten Test vor der heute beginnenden NFL-Saison, der 102. aller Zeiten, sorgte er mit zwei präzisen Würfen in die Endzone für ein Debakel jener Mannschaft, die aus unerfindlichen Gründen immer noch den Spitznamen "America’s Team" trägt. Viel Zeit zum Reflektieren darob gab es indes nicht, die Dallas Cowboys treffen heute zum Auftakt der Spielzeit 2021/22 im Raymond James Stadium in Tampa auf die Buccaneers. Ankick ist um Punkt 19.20 Uhr Ortszeit Texas (2.20 Uhr morgens MESZ).

So kurz die Vorbereitungszeit war, immerhin gab es eine; in der vergangenen Saison, die letzteres Team mit dem Gewinn der Super Bowl abschloss, war die Testphase Coronavirus-bedingt gänzlich ausgefallen. Quasi als Kompensation, aber nicht nur deshalb, wird die heurige Saison länger dauern als bisher üblich. Statt der gewohnten 16 Spiele, die jede Mannschaft bisher in der Gruppenphase absolvieren musste, stehen nunmehr 17 auf dem Programm. Aus Sicht der von Commissioner Roger Goodell geführten, insgesamt 32 Teams umfassenden Liga nur ein weiterer Meilenstein beim Ausbau des Geschäftsmodells.

"Angesichts dessen, was die NFL in den vergangenen Jahren an Negativschlagzeilen geschrieben hat, sind die Umsätze eigentlich ein Wunder."

Leichter machen ihm das ein langfristiger, vertraglich abgesicherter Arbeitsfrieden zwischen den Teambesitzern und der Spielergewerkschaft, der bis Ende des Jahrzehnts gilt, sowie die gar für ein dutzend Jahre gültigen Verträge, die die NFL mit ihren Medienpartnern für die Übertragungsrechte ihres Produkts abgeschlossen hat. Der garantierte Umsatz, der sich aus Letzteren lukriert, beläuft sich auf sage und schreibe 110 Milliarden Dollar. Angesichts dessen, was die NFL in den vergangenen Jahren so alles an PR-Desastern erlebt hat, ist das alles eigentlich ein Wunder.

Zuerst die so ängstlich wie stümperhaft geführte Debatte um die Kniefälle politisch bewusster Spieler wie Colin Kaepernick (der seit 2017 arbeitslose Quarterback fand auch heuer keinen Interessenten und wird den Gridiron wohl nie wieder als Profi betreten); dann die wiederkehrenden Fälle von Spielern, die in ihrer Freizeit systematisch Frauen schlagen und/oder sexuell belästigen (zuletzt Deshaun Watson, Quarterback der Houston Texans, dem immerhin eine lange Sperre droht); zuletzt prominente Impfverweigerer wie Kirk Cousins (Minnesota), Carson Wentz (Indianapolis) oder Cam Newton (nach einem Intermezzo bei den New England Patriots derzeit arbeitslos) - das alles sorgt dafür, dass die NFL auch außerhalb ihrer Spielzeiten nicht aus den Schlagzeilen geriet.

"Die Tatsache, dass ausgerechnet eine der konservativsten Sportligen im Kampf gegen Corona derart konsequent auftritt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie."

Zumindest letzterem Problem trachteten Goodell und die Teambesitzer mit einem strengen Regiment beizukommen, das schnell Wirkung zeigte. Laut Liga sind 93 Prozent aller Spieler durchgeimpft. Bei den Funktionären, Betreuern et cetera soll die Quote mindestens so hoch sein. Den Angehörigen jener Minderheit, die sich dem Stich bis heute verweigern, soll das Leben mittels administrativer Schikanen und einem rigorosen Test-Regime so schwer wie möglich gemacht werden.

Die Tatsache, dass ausgerechnet eine der in gesellschaftspolitischen wie geschäftlichen Fragen konservativsten Sportligen der Welt im Kampf gegen die Verbreitung des Virus derart konsequent auftritt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie; aber solange in jenen Regionen der USA, in denen die meisten Football-Fans sitzen, die Intensivbetten wegen Millionen Ungeimpfter immer knapper werden, entzieht sie sich immerhin nicht ihrer Verantwortung fürs Gemeinwohl.

Aber der Schuldigkeit halber zurück zum rein Sportlichen: Die Buccaneers, deren Kern intakt geblieben ist, verteidigen ihren Titel wieder einmal mit dem unverwüstlichen Herrn Tom Brady, wer so weit gelesen hat, dem muss man nicht erklären, wer das ist.

Mit einer Bootsparade feierten die Tampa Bay Buccaneers ihren Super-Bowl-Triumph. 
- © afp / Getty / Mike Ehrmann

Mit einer Bootsparade feierten die Tampa Bay Buccaneers ihren Super-Bowl-Triumph.

- © afp / Getty / Mike Ehrmann

Die Vorjahresfinalisten von den Kansas City Chiefs gehören heuer ebenso wieder zum Favoritenkreis wie die Green Bay Packers mit Evergreen Aaron Rodgers. Die Buffalo Bills haben sich unter Head Coach Sean McDermott zum Geheimtipp gemausert und machen sich entsprechend Hoffnungen, die übers Überstehen der Gruppenphase hinausgehen.

Gute Neuigkeiten gibt es für Football-Connaisseure auf der anderen Seite des Atlantiks. Nachdem die NFL-Gastspiele in England 2020 ausgesetzt wurden, werden sich dort zur Saison-Halbzeit die New York Jets und die Atlanta Falcons sowie die Jacksonville Jaguars mit den Miami Dolphins messen. Austragungsort ist das Fußballstadion der Tottenham Hotspurs im Norden Londons.

Der junge Herr Lawrence freut sich schon darauf, auch wenn er bis dahin noch eine bürokratische Gelegenheit erledigen muss: Der aus Knoxville, Tennessee stammende Quarterback, trotz seiner jungen Jahre bereits verheiratet und gläubiger Christ, hat angeblich noch keinen Reisepass.