"Frag mich nicht nach dem Grand Slam", sagte Novak Djokovic, als er Jim Courier beim Siegerinterview auf dem Platz stand. "Ich weiß, ich kann es schaffen, aber frag mich bitte nicht danach. Ich konzentriere mich voll auf das nächste Spiel." Es ist ein Satz, den Sportler, ganz gleich welcher Branche, ganz gleich bei welcher Gelegenheit und ganz gleich, ob ihn das Gegenüber hören will oder auch nicht, gerne von sich geben. Doch selten hat er so viel Wahrheitsgehalt wie diesmal. Denn dass Djokovic das nächste Spiel als das schwierigste auf seinem Weg in die Geschichtsbücher erachtet, darf man ihm durchaus glauben.

Nach seinem 5:7, 6:2, 6:2, 6:3-Sieg über den starken Italiener Matteo Berrettini trifft er am Freitag in der Vorschlussrunde der US Open in New York auf Sascha Zverev, der sich beim 7:6, 6:3, 6:4 über den Südafrikaner Loyd Harris, einen der nicht wenigen Überraschungsspieler dieses Turniers, ebenfalls keine Blöße gab.

Der Gewinner dieser Partie bekommt es im Finale mit dem Sieger des zweiten Halbfinales zwischen Daniil Medwedew und dem 21-jährigen Kanadier Felix Auger-Aliassime zu tun.

Auch das Damen-Halbfinal-Feld ist seit heute Nacht komplett: Die Britin Emma Raducanu schaltete, vor dem Turnier noch die Nummer 150 der Welt, zu Jahresbeginn noch jenseits der Top 300 angesiedelt, schaltete nach ihrem Sensationslauf aus der Qualifikation, bei dem sie unter anderem die Topspielerinnen Naomi Osaka und Angelique Kerber eliminierte, auch die Schweizerin Belinda Bencic aus (6:3, 6:4) undd spielt nun gegen die Griechin Maria Sakkari (6:4, 6:4 gegen Karolina Pliskova); schon davor bekommt es die weltranglistenzweite Belarussin Aryna Sabalenka mit einer weiteren Überraschungsfrau, der gerade erst 19 Jahre alt gewordenen Kanadierin Leylah Fernandez, zu tun. Diese hatte sich gegen die als Nummer fünf gesetzte Ukrainerin Jelina Switolina durchgesetzt.

Doch es sind nicht unbedingt die Überraschungsspieler, die Djokovic eine Warnung sind. In New York musste er gegen Berrettini schon zum vierten Mal einen Satz abgeben, ehe er "mit den besten drei Sätzen" in diesem Turnier seinen Kopf aus der Schlinge zog. Zverev hingegen gab im bisherigen Turnierverlauf erst einen Satz ab, allerdings hatte er nach den ereignisreichen vergangenen Wochen im Match gegen Harris mit Rückenproblemen zu kämpfen. Der gegenseitige Respekt ist jedenfalls groß. "Er ist in enormer Form", sagt Djokovic über den 24-Jährigen. "Er ist einer der besten Spieler der Welt, und es ist ein Grand-Slam-Semifinale. Je größer die Herausforderung, desto größer ist es, wenn man sie meistert."

Ähnlich äußert sich Zverev. "Wenn man gegen ihn spielt, weiß man, dass man sein bestes Tennis spielen muss. Du musst perfekt sein. Und meistens kann man nicht perfekt sein, deswegen verlieren die meisten gegen ihn."

Sascha Zverev. - © afp / Getty / Elsa
Sascha Zverev. - © afp / Getty / Elsa

Auch er selbst hat dies schon des Öfteren erlebt. Von bisher neun Begegnungen hat Djokovic sechs Mal gewonnen. Trotzdem könnte Zverevs Selbstvertrauen nicht größer sein. Seit Wimbledon hat der Hamburger, der sich im Vorjahresfinale denkbar knapp Dominic Thiem hatte geschlagen geben müssen - seitdem aber hart an seinem Aufschlag gearbeitet hat und sich deutlich konstanter in brenzligen Situationen erweist -, keine Partie verloren, im Gegenteil: Bei den Olympischen Spielen in Tokio gewann er historisches Gold für Deutschland, seinen Erfolgslauf setzte er unbeirrt in Cincinnati und nun in New York fort.

Mental vielleicht noch wichtiger: Die positiven Erinnerungen an die jüngste Begegnung sind noch frisch: Auf dem Weg zu seinem Olympia-Triumph schaltete er den Weltranglistenersten im Semifinale aus - und zerstörte damit dessen Traum vom Golden Slam, Siegen bei allen Major-Turnieren plus Olympia im selben Jahr. Eine andere Bestmarke kann Djokovic allerdings in Flushing Meadows noch setzen: Mit dem Titelgewinn könnte er sich zum ersten Spieler seit Rod Laver 1969 krönen, der im selben Jahr sowohl bei den Australian und French Open als auch in Wimbledon und New York triumphiert.

Gleichzeitig würde er Roger Federer und Rafael Nadal, die beide ebenso wie der Serbe 20 Grand-Slam-Turniere gewonnen haben, in der Allzeit-Bestenliste hinter sich lassen.

Natürlich sei das sein Ziel, hatte Djokovic, der nach Tokio eine längere Pause eingelegt hatte, noch vor dem Turnier gesagt. Nun aber will er den Gedanken beiseiteschieben. Das nächste Spiel ist schließlich immer das schwerste. Und diesmal ganz besonders. Frage nicht.