Zwei kleine Schritte für Novak Djokovic, ein großer Sprung für das Tennis? Nunja. Zweiteres würde mit Sicherheit zutreffen, ersteres wäre aber eine maßlose Untertreibung. Denn einfach ist der Weg für Djokovic nicht, den er sich für die US Open vorgenommen hat. Der Serbe, der in diesem Jahr die Australian und French Open sowie Wimbledon gewonnen hat, könnte mit einem weiteren Triumph in New York, wo er bisher drei seiner insgesamt 20 Grand-Slam-Siege gefeiert hat, in der Allzeitbestenliste an seinen derzeit gleichauf liegenden, in Flushing Meadows aber verletzt fehlenden Langzeitkonkurrenten Roger Federer und Rafael Nadal vorbeiziehen und gleichzeitig als erster Mann seit Rod Laver 1969 den Grand Slam - alle Major-Turniere in einem Jahr - gewinnen.

Während Djokovic aber zunächst noch das Halbfinale überstehen muss, stehen bei den Damen die beiden, die am Samstag um den Titel kämpfen, schon fest. Und es ist ein Finale, das ebenfalls eine historische Dimension hat: Die 18-jährige Britin Emma Raducanu setzte ihren Erfolgslauf in der Nacht auf Freitag mit einem 6:1, 6:4-Sieg über die Griechin Maria Sakkari fort und steht als erste Qualifikantin überhaupt im Endspiel der US Open.

Emma Raducanu hat es als erste Qualifikantin ins Endspiel geschafft. 
- © afp / Ed Jones

Emma Raducanu hat es als erste Qualifikantin ins Endspiel geschafft.

- © afp / Ed Jones

Ihre Gegnerin ist die nur um wenige Monate ältere Leylah Fernandez, die nicht nur Kanada verzaubert. Sie eliminierte nach ihren Siegen über die ehemaligen Weltranglistenersten Naomi Osaka und Angelique Kerber auch die Weltranglistenzweite Aryna Sabalenka aus Belarus. Bemerkenswert war angesichts der Größe der Aufgabe auch die Nervenstärke der 19-Jährigen, die sich Sieg und Finaleinzug mit 7:6, 4:6, 6:4 erkämpfte.

Setzt sie sich auch im Finale durch, würde sie für den erst zweiten kanadischen Einzel-Triumph (Damen und Herren) bei einem Grand-Slam-Turnier sorgen. Vor zwei Jahren hatte Bianca Andreescu ebenfalls in New York gewonnen. Detail am Rande: Auch Raducanu ist in Kanada geboren.

So oder so aber ist es für den kanadischen Frauensport schon jetzt ein besonderer Sommer: Vor wenigen Wochen hatten die Fußballerinnen rund um Weltrekord-Torschützin Christine Sinclair zum ersten Mal Olympia-Gold gewonnen, auch sie fiebert mit Fernandez mit.

Zwei Teenager im Endspiel gab es zuvor sieben Mal, das bisher letzte Mal liegt aber schon länger zurück, als die beiden Überraschungsfrauen auf der Welt sind:  1999 standen sich Serena Williams und Martina Hingis gegenüber.

Doch nicht nur die Überraschungen sind es, die Djokovic vor seinem möglicherweise vorletzten Schritt zur Ewigkeit vorsichtig stimmen. Schon seine Halbfinalhürde heute Nacht (Servus TV überträgt dieses und das zweite Herren-Finale zwischen Daniil Medwedew und Felix Auger-Aliassime live ab 22.10 Uhr) ist eine denkbar hohe.

In Wimbledon konnte Novak Djokovic den Fans dieses Jahr zum 20. Mal einen Grand-Slam-Pokal präsentieren. 
- © afp / aeltc / Bob Martin

In Wimbledon konnte Novak Djokovic den Fans dieses Jahr zum 20. Mal einen Grand-Slam-Pokal präsentieren.

- © afp / aeltc / Bob Martin

Der Weltranglistenerste bekommt es mit Sascha Zverev zu tun, der ihm vor einem Monat den Traum vom Golden Slam – dem Triumph bei allen vier Grand-Slam-Turnieren plus Olympia in einem Jahr – vermasselt hat.

Williams' vergebliche Rekordjagd

Dass der Weg zu Rekorden nicht nur von naturgemäß harten Gegnern begleitet, sondern auch von Steinen gepflastert ist, dafür gibt es unzählige Beispiele, eines der besten liefert eine der großen Fehlenden bei diesem Turnier: Denn Serena Williams ist zwar an Major-Titeln gemessen die erfolgreichste Spielerin der offenen Profiära (seit 1968), seit Jahren aber läuft sie dem Allzeit-Rekord von Margaret Court hinterher, die um ein Mal mehr als die US-Amerikanerin, also insgesamt 24 Mal, triumphierte.

Serena Williams scheiterte in den vergangenen vier Jahren verlässlich an ihrem Ziel, auch den Allzeitrekord von Margaret Court zu knacken. 
- © afp / Adrian Dennis

Serena Williams scheiterte in den vergangenen vier Jahren verlässlich an ihrem Ziel, auch den Allzeitrekord von Margaret Court zu knacken.

- © afp / Adrian Dennis

Auch schafften Court und Steffi Graf den "richtigen" Grand Slam, während Williams zwar zweimal alle vier Major-Turniere hintereinander (2002/03, 2014/15), aber nie im selben Kalenderjahr gewinnen konnte. Ihr bisher letzter Triumph auf höchster Ebene datiert vom Jänner 2017, als sie – wie sich später herausstellte, bereits schwanger – bei den Australian Open siegte.

In den beiden Folgejahren stand sie in Wimbledon und bei den US Open zwar jeweils im Finale, der Schritt zum 24. Titel misslang ihr aber. In Erinnerung geblieben sind nicht nur die verlorenen Spiele, sondern auch die Wutausbrüche im Endspiel gegen Naomi Osaka vor drei Jahren.

Bei den diesjährigen US Open konnte Williams aufgrund einer Verletzung nicht nach dem Court-Rekord greifen, mit nunmehr 39 Jahren werden die Gelegenheiten dazu weniger.

Rote Asche als weißer Fleck

Roger Federer hat schon zahlreiche Bestmarken aufgestellt, und auch wenn Djokovic ihn nun an der Zahl der Grand-Slam-Siege hinter sich lassen sollte, bleibt ein Rekord des Schweizers vorerst bestehen: Er hat als einziger Spieler in drei Jahren einen Hattrick bei Major-Turnieren gelandet: 2004, 2006 und 2007 fehlte ihm jeweils nur der Titel bei den French Open auf die ultimative Tennis-Glückseligkeit.

Jedes dieser Male musste er sich demjenigen, der zu dieser Zeit den inoffiziellen Titel "Sandplatzkönig" tragen durfte, geschlagen geben: Guga Kuerten war 2004 in der dritten Runde zu stark, zwei beziehungsweise drei Jahre später fand Federer in Nadal im Endspiel seinen Meister.

Roger Federer ist der einzige Spieler, der in drei Jahren drei Grand-Slam-Siege feiern konnte. Ausgerechnet 2009, als er das einzige Mal bei den French Open siegte, gelang ihm dies bei den Australian Open und den US Open aber nicht. 
- © afp / Glyn Kirk

Roger Federer ist der einzige Spieler, der in drei Jahren drei Grand-Slam-Siege feiern konnte. Ausgerechnet 2009, als er das einzige Mal bei den French Open siegte, gelang ihm dies bei den Australian Open und den US Open aber nicht.

- © afp / Glyn Kirk

Seinen bisher einzigen Titel auf der roten Asche von Paris holte er 2009 – ausgerechnet in jenem Jahr, in dem er auch in Wimbledon triumphierte, musste er sich Nadal beziehungsweise Andy Roddick im Endspiel der Australian beziehungsweise US Open geschlagen geben.

Und selbst an seinem Turniersieg in Roland Garros hatten Zweifler etwas auszusetzen. Schließlich musste er im Finale nicht gegen Nadal, sondern gegen Robin Söderling antreten. Dafür, dass der Schwede den großen Spanier davor im Achtelfinale aus dem Bewerb eliminiert hat, kann man Federer aber wohl schwerlich einen Vorwurf machen.

Vier Mal ist nichts passiert

Vorwürfe beziehungsweise Kritik, er habe mental nicht die Stärke, um die Big Points bei den allergrößten Turnieren zu holen, bekam indessen ein anderer Spieler, der kurzfristig die Nummer-eins-Position der Weltrangliste bekleidete, lange Zeit seiner Karriere zu hören. Vier Mal hat er’s probiert – mit Finalauftritten nämlich –, vier Mal ist nichts passiert, was viele Briten, die sehnlichst auf den ersten Grand-Slam-Gewinner seit Fred Perry in den grauen Urzeiten des Tennis warteten, dem Schotten Andy Murray übel nahmen.

Als es beim fünften Mal – 2012 in New York wenige Wochen nach seinem Olympia-Triumph in London, der die Nation versöhnte – mit dem ersten von insgesamt drei Major-Siegen klappte, hatte er einen Mann an seiner Seite, der ebenso oft wie er nach einem Finale als Verlierer vom Platz gegangen war: Die Geschichte von Murray und wie er durch die Ratschläge Ivan Lendls vom "ewigen Zweiten", als den man ihn schon abgestempelt hatte, zum Grand-Slam-Sieger mutierte, ging um die Welt.

Andy Murray schaffte den großen Coup erst im fünften Finalanlauf. 
- © afp / Angela Weiss

Andy Murray schaffte den großen Coup erst im fünften Finalanlauf.

- © afp / Angela Weiss

Der große Tscheche (und nunmehr US-Staatsbürger) schlug nach seinem Premierenerfolg bei den French Open 1984 noch sieben weitere Male zu, nur ein Triumph in Wimbledon blieb ihm verwehrt.

Murray indessen wurde in den vergangenen Jahren von schweren und langwierigen Verletzungen zurückgeworfen, zwischendurch hatte er bereits seinen Rücktritt angekündigt. Sein bisher letztes Finale bestritt er vor fünf Jahren in Paris – und verlor dort gegen einen Mann, der damals sein Dutzend vollmachte. Es ist jener Mann, der nun Geschichte schreiben will.

Dass nichts weniger als ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher sein Ziel ist, hat Djokovic schon vor dem Turnier gesagt, nachdem er schon den Golden Slam – verpasst hat. Vor dem Wiedersehen mit Zverev ist der beiderseitige Respekt groß. "Er ist in gewaltiger Form", sagt Djokovic über den 24-Jährigen. "Er ist einer der besten Spieler der Welt, und es ist ein Grand-Slam-Semifinale. Je größer die Herausforderung, desto größer ist es, wenn man sie meistert."

Niederlage gegen Thiem als Ansporn

Ähnlich äußert sich Zverev, für den es ebenfalls um einen persönlichen Meilenstein geht. Denn bei einem Grand-Slam-Turnier hat er noch nie gewonnen, das Finale im Vorjahr gegen Dominic Thiem, bei dem er eine Zweisatzführung aus der Hand gegeben und im Tiebreak des fünften Durchgangs das Nachsehen gehabt hat, nagte an ihm - aber es ließ ihn auch stärker werden. Vor allem am Aufschlag hat er gearbeitet, was ihm auch das nötige Vertrauen in brenzligen Situationen und damit mehr Konstanz für sein gesamtes Spiel gibt.

Sascha Zverev ist derzeit auf einem Hoch. 
- © afp / Getty / Elsa

Sascha Zverev ist derzeit auf einem Hoch.

- © afp / Getty / Elsa

Das wird er freilich auch gegen Djokovic brauchen - und mehr als das. "Wenn man gegen ihn spielt, weiß man, dass man sein bestes Tennis spielen muss. Du musst perfekt sein. Und meistens kann man nicht perfekt sein, deswegen verliert man meistens gegen ihn", sagt Zverev.

An der ultimativen Perfektion sind tatsächlich schon die Größten ihres Fachs in der einen oder anderen Form gescheitert.