In der Haut der Veranstalter wollte man vor diesen US Open nicht wirklich stecken. Heute, da diese Geschichte sind, sieht die Sache anders aus. Denn trotz aller Widrigkeiten wird man sich gerade an diese US Open noch länger erinnern. Ein Rückblick.

Neue Siegergesichter: Neue Gesichter braucht der Sport, hieß es schon lange – und neue Gesichter hat er hier bekommen. Daniil Medwedew, den man schon lange als einen der potenziellen Nachfolger der Big Three gehandelt hatte, trug sich nach zwei verlorenen Finalspielen (2019 in New York gegen Rafael Nadal, heuer bei den Australian Open gegen Novak Djokovic) zum ersten Mal auch auf höchster Ebene in die Siegerliste ein. "Wir sind nicht hier, um Djokovic die US Open gewinnen zu lassen", hatte der Weltranglistenzweite schon vor dem Turnier gemeint. Danach erklärte er Djokovic dennoch zum "größten Spieler der Geschichte" und kündigte seinerseits an seinem Hochzeitstag, der nun mit dem ersten Major-Sieg zusammenfiel, eine rauschende Party an. 

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Auch für Novak Djokovic war der Russe, der sich im Finale mit 6:4, 6:4, 6:4 gegen den Serben durchsetzte, ein würdiger Gewinner: "Wenn es jemand verdient hat, dann du."

Bei den Damen durfte man überhaupt die Geburtsstunde einer neuen Generation feiern. Die erst 18-jährige Britin Emma Raducanu und ihre im Finale unterlegene und nur um wenige Monate ältere Gegnerin Leylah Fernandez begeisterten die Tenniswelt nicht nur mit ihrer ausgereiften Technik und Athletik, sondern auch mit ihrer erfrischenden Art. Die Kanadierin Fernandez hatte zuvor zwei ehemalige Weltranglistenerste sowie die aktuelle -Zweite aus dem Turnier geworfen und war der Papierform nach als leichte Favoritin ins Finale gegangen.

Aber dass die Papierform bei diesem Turnier nicht unbedingt viel zählt, haben auch andere bewiesen: etwa Herren-Halbfinalist Felix Auger-Aliassime sowie der erst 18-jährige Carlos Alcaraz und der Niederländer Botic van de Zandschulp, der davor nur ausgewiesenen Kennern der Future- und Challenge-Tour wirklich ein Begriff war. Letztere beide schafften es immerhin bis ins Viertelfinale.

Djokovic unersättlich: Auch wenn er das Finale gegen Medwedew dann doch überraschend klar verloren hat, so hat Novak Djokovic eindrucksvoll gezeigt, dass er noch nicht bereit ist, von der Bühne abzutreten. Nach dem bitteren Ausscheiden bei Olympia und der darauffolgenden Pause hat sich der Serbe, der zumindest die erste Saisonhälfte nach Belieben dominiert hatte, stark wie eh und je zurückgemeldet. Dass er im Finale zwischenzeitlich von seinen Emotionen überwältigt wurde, hat ihm zudem mit Sicherheit einige zusätzliche Sympathien gebracht. Bei der Siegerehrung sagte er in Richtung Publikum, er fühle sich aufgrund der Unterstützung "als der glücklichste Mensch der Welt".

Einfacher wird es für Djokovic, der sich in die Riege vieler Spieler stellte, die gerade beim letzten Schritt zur ultimativen Tennis-Glückseligkeit gestolpert sind, freilich nicht, noch einmal einen Angriff auf den Grand Slam - den Gewinn aller vier Major-Titel in einem Jahr - zu nehmen. Der bisher letzte Spieler, der das geschafft hat, bleibt damit vorerst Rod Laver 1969.

Psychische Belastung. Dass es auch mental nicht so einfach ist, es an die Spitze zu schaffen oder sich dort zu halten, wurde in diesem Jahr im Sport generell offenkundig. Die Fülle an Athleten aus den verschiedensten Branchen, die offen über psychische Belastungen, Erschöpfungszustände und Depressionen sprechen, hat viele alarmiert und sensibilisert.

Den Anfang hatte Naomi Osaka gemacht, die zwar nach den French Open schon eine Pause eingelegt hat und bei Olympia zurückgekommen ist, sich nach ihrem Drittrunden-Aus aber abermals zurückziehen wollte. "Normalerweise mag ich Herausforderungen, aber in letzter Zeit fühle ich mich sehr verunsichert", sagte sie. Sie wolle nun herausfinden, was sie machen wolle. "Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann ich mein nächstes Tennismatch spielen werden werde."

Überlange Toilettenpausen. Gänzlich andere Probleme hatte Stefanos Tsitsipas. Der Grieche schied ebenfalls in der dritten Runde aus, doch es war etwas anderes, das die Tennis-Welt beschäftigte: Mit überlangen Toilettenpausen hatte er Gegner, andere Kollegen und Zuschauer verärgert. Andy Murray erklärte, er habe den Respekt vor dem Griechen verloren und twitterte: "Stefanos Tsitsipas braucht zweimal so lang, um aufs WC zu gehen, als Jeff Bezos, um ins All zu fliegen."

Einige Spieler forderten die Verantwortlichen auf, das Regelwerk zu überdenken, dessen Schlupflöcher sich Tsitsipas offenbar zunutze machte.

Mehr Preisgeld für frühes Aus. Eine Sache haben die Veranstalter bereits überdacht: Von der (Rekord-)Gesamtdotation von 57,5 Millionen Dollar ging diesmal ein größerer Anteil als bisher an die Qualifikanten und die Erstrundenteilnehmer, um auch jenen Spielern zu helfen, die die Corona-bedingten Einbußen am stärksten zu spüren bekommen haben. Die Sieger im Herren- und Damen-Einzel nahmen jeweils einen Scheck von 2,5 Millionen Dollar mit nach Hause, 2019 waren es noch drei Millionen gewesen. Dass Damen und Herren bei Grand-Slam-Turnieren gleich viel verdienen, geht übrigens auf Billie Jean King und ihre Mitstreiterinnen in den frühen 70er-Jahren zurück. Sie wurden heuer im Rahmen einer Gala geehrt – auch sie werden sich also noch länger an dieses Turnier erinnern.