"Russen wissen, wie man feiert. Ich hoffe, ich lande nicht in den Medien" - als alles vollbracht war, als Daniil Medwedew den Weltranglistenersten Novak Djokovic im Finale der US Open überraschend klar mit 6:4, 6:4, 6:4 bezwungen und damit dessen Grand-Slam-Party vermasselt hatte, sprühte der 25-Jährige noch immer vor Energie. Und er ließ Anflüge jener Lockerheit erkennen, die man bei ihm noch selten gesehen hatte. Der erste Grand-Slam-Titel für ihn, der erste für einen Russen im Herren-Einzel nach Jewgenij Kafelnikow und Marat Safin, beflügelte sichtlich - auch wenn sein Jubel auf dem Platz schon außergewöhnlich genug wirkte. Nach dem Matchball ließ er sich auf die Seite zu Boden fallen, mit starr geöffnetem Mund: "Ich spiele gerne Fifa. Ich spiele gerne Playstation. Das nennt sich Toter-Fisch-Jubel", erklärte er später. "Jeden, den ich gesehen habe, der Fifa spielt, dachte, das war legendär. So wollte ich es machen", sagte Medwedew, der schon vor dem Turnier öffentlich mit der Möglichkeit zum Jubel geliebäugelt hatte. "Wir sind nicht hier, um Novak beim Gewinnen zuzusehen", hatte er gemeint.

Während der 34-jährige Djokovic seinen Traum vom Grand Slam - dem Gewinn aller Major-Turniere in einem Kalenderjahr - damit wohl begraben muss, könnte der Sieg des Weltranglistenzweiten erst der Beginn gewesen sein. Zwei Finalspiele hat er bisher auf dieser Ebene verloren, vor zwei Jahren in New York gegen Rafael Nadal, heuer gegen Djokovic in Melbourne, ehe nun mit beinahe zwei perfekten Wochen der Knopf aufging. Detail am Rande: Im gesamten Turnierverlauf musste er nur einen einzigen Satz abgeben, das war im Viertelfinale gegen den bisher völlig unbekannten Niederländer Botic de Zandschulp. Dass er sein Spiel auch im Finale und gegen den seinen Worten zufolge "größten Spieler aller Zeiten" von Beginn an erbarmungslos durchzog, rang auch Dominic Thiem, seinem diesmal verletzt fehlenden Vorgänger als Flushing-Meadows-Sieger, Respekt ab. "Was für eine Performance. Gratuliere zu deinem ersten Grand-Slam-Titel Daniil!", schrieb der 28-jährige Niederösterreicher auf Social Media.

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Thiem wurden die 2.000 Zähler in der Weltrangliste gestrichen, er ist nun nur noch Achter und wird bis zu seinem für Jänner avisierten Comeback noch weitere rund 2.500 Punkte verlieren. In den Top 20 könnte er noch überwintern, allerdings kann er mit "geschütztem Ranking" (ATP-Nummer fünf) wieder einsteigen. Für Medwedew ist die Saison hingegen noch lange nicht vorbei. "Zu wissen, dass ich jemanden geschlagen habe, der bei Grand Slams eine 27:0-Bilanz hatte und gegen den ich in Australien noch verloren habe, und der große Geschichte schreiben wollte - das macht den Sieg noch süßer und gibt mir Selbstvertrauen für das, was noch kommt."

Emma Raducanu. - © afp / getty images / S. Stier
Emma Raducanu. - © afp / getty images / S. Stier

Djokovic "erleichtert"

Gemeinsam mit der 18-jährigen Sensationssiegerin Emma Raducanu aus Großbritannien hat er bei den US Open, die nach dem Pandemiejahr wieder vor vollem Haus und vielen Hollywood-Stars ausgetragen wurden, Geschichte geschrieben. Es ist das erste Mal seit den French Open 2004, dass es bei Frauen und Männern neue Major-Siegesgesichter gegeben hat (damals Anastasia Myskina und Gaston Gaudio). Medwedew ist zudem neben Thiem der erst zweite Major-Sieger der Männer, der in den 1990er-Jahren geboren wurde. Die Vorherrschaft der "Big Three" war zuvor seit 2009 nur von Juan Martin Del Potro, Andy Murray, Stan Wawrinka und Marin Cilic durchbrochen worden.

Djokovic nahm die Tatsache, dass es diesmal nicht er war, der sich in die Annalen eintrug, mit größtmöglicher Gelassenheit. Er sei fast "erleichtert", dass die Fragen nach dem Grand Slam nun aufhören würden, sagte der Serbe, der sich ausdrücklich beim Publikum für die Unterstützung bedankte. "Trotz der Niederlage bin ich dank euch heute der glücklichste Mensch der Welt", sagte er. Die rauschende Party aber musste er diesmal jemandem anderen überlassen.(art/apa)