Einen Golden Slam würde es bei diesen US Open nicht geben, so viel stand schon vor dem Turnier fest, schließlich hatte Novak Djokovic schon bei Olympia sein Gold-Ziel verpasst. Doch was kann besser sein als ein Golden Slam? Richtig: zwei Golden Slams.

Zwar schaffte es Djokovic durch die Finalniederlage gegen Daniil Medwedew auch nicht, den Grand Slam - sprich: den Triumph bei allen vier Major-Turnieren in einem Kalenderjahr - zu holen, dafür schrieben zwei Rollstuhlspieler Tennis-Geschichte: Diede de Groot und Dylan Alcott vervollständigten ihr perfektes Jahr mit dem Sieg in New York. Beide hatten davor in ihren Klassen bei den Australian und French Open sowie in Wimbledon und bei den Olympischen Spielen in Tokio triumphiert.

Es ist die Leidenschaft für den Sport, die man beiden ansieht, die sie an die Spitze geführt haben. Das Gefühl, eine Einschränkung zu haben, die Leiden schafft, kennen sie hingegen nicht.

"Auf jede Sache, die du nicht machen kannst, kommen 10.000 andere Dinge, die du machen kannst."

Dylan Alcott

"Ich will nicht wie Djokovic oder Medwedew sein. Ich will ich sein", sagt Alcott. "Für jede Sache, die du vielleicht nicht machen kannst, gibt es 10.000 andere Sachen, die du machen kannst. Für jeden Idioten, der dir eine schwierige Zeit bereitet, gibt es 10.000 andere, die deine Zeit wert sind", lautet das Credo des Australiers, das er gerne auch bei Motivationsseminaren vorträgt.

Und kaum jemandem würde man es mehr abnehmen als dem 30-Jährigen, der in seiner Jugend als Schwimmer aktiv war sowie als Rollstuhlbasketballer mit 17 Jahren und damit als jüngster Paralympics-Teilnehmer in dieser Sportart in Peking 2008 Gold mit dem australischen Team gewonnen hat. Seit 2014 konzentriert er sich wieder voll aufs Tennis.

Die Zeiten, in denen Behindertensport noch ein Randthema war, kennt Alcott, der seit der Entfernung eines Rückenmarkstumors im Säuglingsalter querschnittgelähmt ist, daher noch zu gut; seit einigen Jahren setzt er sich auch abseits des Sports für Bewusstseinsbildung und bessere Rahmenbedingungen für Menschen mit Beeinträchtigungen ein. Seine Stimme nützt er - im buchstäblichen Sinne - als Moderator einer Musikshow im Radio, auch barrierefreie Festivals werden von ihm organisiert.

Künftig wird er wohl noch mehr Zeit für diese Aktivitäten haben: Ob er noch einmal als Spieler nach New York zurückkehrt, ließ er offen, die Paralympics in drei Jahren in Peking stehen jedenfalls nicht mehr auf seinem Plan. Mit dem Gewinn des Golden Slams - als erster männlicher Spieler überhaupt im Tennis - hat er alles erreicht, was es im Sport zu erreichen gibt, jetzt sei die nächste Generation am Zug, sagt er - und nennt dabei unter anderem seinen erst 17-jährigen Finalgegner Niels Vink, aber auch De Groot, die mit 24 Jahren noch einiges vor sich hat.

Ein Jahr wie dieses zu toppen, wird aber freilich auch für die Niederländerin, die seit fünf Jahren die Spitze bekleidet, schwierig. Vorerst will De Groot, die wegen eines angeborenen Längenunterschieds der Beine sowie etlicher Hüftoperationen seit Kindheit an nur im Sitzen Sport betreiben kann, die Zeit genießen. "Ich freue mich auf meine Familie und meine Freunde." Mit ihnen wird es in den kommenden Tagen und Wochen wohl einiges zu besprechen geben. Einen Golden Slam - außer ihr und Alcott hat einen solchen nur eine Person, nämlich Steffi Graf 1988, geschafft - gibt es halt nicht alle Tage zu feiern. Da braucht man gar nicht erst Novak Djokovic zu fragen.