It ain’t over till it’s over - es ist ein Spruch, der auch im Sport noch gerne gebraucht wird, seit ihm Rocky Balboa zu einer breiten Bekanntheit verholfen hat. Doch um Sport geht es in jenem Fall, der die mehrfache Olympiasiegerin Simone Biles, hunderte andere Frauen und die US-Justiz seit Jahren beschäftigt, nur noch peripher. Und vorbei dürfte es noch lange nicht sein.

Denn auch sechs Jahre, nachdem die ersten Vorwürfe gegen Larry Nasser, den früheren Teamarzt der US-Turnerinnen, aufgetaucht sind, fünf Jahre nach seiner Verhaftung und drei Jahre, nachdem er zu mehrfach lebenslang verurteilt wurde, ist die Aufarbeitung eines der größten Missbrauchsskandale der Sportgeschichte nicht abgeschlossen. Und längst ist aus dem Missbrauchs- ein Justizskandal geworden.

Im Juli hat Michael Horowitz, Generalinspektor im US-Justizministerium, einen 119 Seiten starken Bericht vorgelegt, der sich mit den Versäumnissen des FBI in dieser Causa auseinandersetzt und der Bundespolizei ein verheerendes Zeugnis ausstellt. Sie habe es "verabsäumt, mit der nötigen und gebotenen Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit" zu reagieren, sodass Nasser sein Unwesen über Monate weiter an ihm anvertrauten Turnerinnen, darunter auch Minderjährigen, treiben konnte.

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Am Mittwoch beschäftigt sich der US-Senat mit der unrühmlichen Rolle des FBI, geladen ist neben anderen Olympiasiegerinnen, die schon im vorigen Prozess gegen Nasser ausgesagt hatten, auch Simone Biles.

Die 25-fache Weltmeisterin und vierfache Olympiasiegerin ist quasi unfreiwillig zum Gesicht der Missbrauchsopfer geworden, an denen sich Nasser im Zeitraum von 1984 bis 2014 unter dem Deckmantel "medizinischer Behandlungen" vergangen hat. Dass sich der Turnverband später öffentlich fürs Wegsehen entschuldigt hat und Nasser mittlerweile strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde, lindert das Leid der Betroffenen zwar nicht. Immerhin aber haben Biles, die bei den Olympischen Spielen in Tokio über mentale Belastung klagte und darob einige Wettkämpfe ausließ, und die anderen öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema geschaffen, das viel zu lange totgeschwiegen wurde.

"Gegen ein System gekämpft"

Denn dass der Sport bei all seinen positiven Begleiterscheinungen auch Rahmenbedingungen für Missbrauch und Gewalt bieten kann, ist mittlerweile bekannt - in den vergangenen Jahren drangen immer wieder Fälle aus dem Fußball und dem Skisport, um nur zwei Beispiele zu nennen, ans Licht der Öffentlichkeit. Und das FBI liefert dem Bericht zufolge das ideale Anschauungsbeispiel, warum sie zuvor lange im Dunklen geblieben sind. Schon nach der Veröffentlichung hatte die Anwältin Rachael Denhollander, selbst früher Turnerin, auf Twitter geschrieben: "Der Report legt zwar die Korruption offen, aber die Schlussfolgerung lautet: ,Spielt keine Rolle.‘ Weil wieder nichts passiert."

Nun schrieb sie: "Wir haben gegen ein System gekämpft, nicht gegen ,einen' Gewalttäter."

Es ist noch nicht vorbei.