Manchen Dingen würde eine solche Logik innewohnen, dass es fast schon zu banal wäre, wären sie wahr. Warum es etwa in der österreichischen Bundeshymne nicht heißt: "Land der Berge, Land der . . . Kletterer", konnte sonst jedenfalls noch niemand schlüssig erklären. Ist aber so. Beides nämlich: dass es die Textzeile so nicht gibt, und dass die Tatsache trotzdem nicht abzustreiten ist.

79.540 Mitglieder haben die 165 im Kletterverband KVÖ eingetragenen Vereine mit Stichtag 31. Dezember 2020 gezählt, damit liegt man bei der Mitgliederzahl nur hinter den Fußballern, den Tennis- und Golfspielern, dem Eis- und Stocksport- sowie dem Turnverband. Und während viele andere auch wegen Corona Rückgänge hinnehmen mussten, ist der Kletterverband in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen.

"Ein sozialer Sport, bei dem man gemeinsam eine Gaudi hat und gemeinsam Probleme löst."

Jakob Schubert bei Olympia über einen der Vorzüge des Kletterns

Die Heim-WM in Innsbruck 2018 hat das Ihre dazu beigetragen, den Effekt von Olympia wird man in naher bis mittlerer Zukunft noch spüren. Immerhin hat das Land der Berge jetzt auch einen Olympia-Medaillengewinner. Dass es nicht mehr sind, liegt zum einen am Pech, das Jessica Pilz als Siebente hatte, zum anderen schlichtweg daran, dass bisher erst einmal, eben in Tokio, unter den fünf Ringen geklettert wurde.

In einem an Spannung kaum zu überbietenden Kombinationsbewerb - das Format wurde speziell für Olympia "erfunden" und hielt daher einige Unwägbarkeiten für die Athleten bereit - schaffte es Jakob Schubert aus schwieriger Ausgangslage im finalen Vorstieg auf den letzten Drücker aufs Top und damit aufs Stockerl.

Als Olympia-Bronzemedaillengewinner schwebt er nun quasi "over the top". Doch das soll noch nicht alles gewesen sein - weder für den Klettersport noch für Schubert selbst. Für Ersteren hofft er auf weitere Impulse und wirbt mit Aussagen von einem "besonders sozialen Sport, bei dem man gemeinsam eine Gaudi hat und Probleme löst" sowie einem eigenen Youtube-Channel dafür, für ihn selbst geht es bei der heute beginnenden WM in Moskau um weitere Medaillen. Acht hat er bei Welttitelkämpfen schon geholt, drei in Gold.

Auch Pilz, die ebenfalls mit einer Olympia-Medaille spekuliert hatte, aber schon in der Vorbereitung durch eine Verletzung zurückgeworfen worden war, bekommt eine neue Chance auf ein versöhnliches Saisonende.

Für Jessica Pilz endeten die Olympischen Spiele mit einer Enttäuschung. Wird's bei der WM mehr? 
- © apa / Georg Hochmuth

Für Jessica Pilz endeten die Olympischen Spiele mit einer Enttäuschung. Wird's bei der WM mehr?

- © apa / Georg Hochmuth

Zu den Favoriten zählt auch Para-Kletterer Angelino Zeller; insgesamt ist der Verband in Moskau mit 15 Athletinnen und Athleten vertreten. "Wir haben ein schlagkräftiges Team", sagt KVÖ-Sportdirektor Heiko Wilhelm. "Die Chancen auf Medaillen haben wir allemal."

Allen voran gilt das natürlich für den 30-jährigen Schubert, der sich selbst allerdings nicht allzu weit hinauslehnen will. Olympia habe zwar nicht sein Leben verändert, ganz zur Tagesordnung konnte der Tiroler dann aber doch nicht übergehen.

Eine Pause, um das Geschehene samt der nachfolgenden Ehrungen zu verarbeiten und neue Energie zu tanken, sei notwendig gewesen. In ihr hat er abgeschaltet, viel Zeit in der Natur, dort ohne Wettkampfstress beim Felsklettern und ein bisschen auch mit Computerspielen verbracht. "Ich bin eben sehr ehrgeizig. Und wenn ich einmal weniger trainiere, kann ich das dort gut ausleben", erzählte er vor der Abreise nach Moskau in der ORF-Sendung "Sport am Sonntag". "Jetzt fühle ich mich wieder frisch, aber der Wettkampfrhythmus fehlt sicher noch", sagt er.

Dass der mit einem Fingerschnippen zurückkommt und die Medaillen nur so auf dem Silbertablett bereit liegen, wäre dann doch zu banal gedacht in einem Sport, in dem es buchstäblich auf jeden Handgriff ankommt. Unlogisch wäre es deshalb trotzdem nicht, würde Jakob Schubert seine beeindruckende Serie ausbauen - und den rot-weiß-roten Klettersport ein weiteres Mal top präsentieren.