Rund 2.300 Einwohner zählt das oberösterreichische Örtchen Nussbach. Neben der lokalen Schnapsspezialität, dem Nussgeist, rühmt sich die Gemeinde vor allem mit einem: Faustball. Am Wochenende pilgerten fast eintausend Faustballbegeisterte ins Traunviertel und verfolgten die Finalspiele der Herren und Damen um den österreichischen Meistertitel. Die Sportart genießt in Teilen Oberösterreichs Volkssportstatus.

"Athletik, Balltechnik und Teamgeist" - für Andreas Woitsch sind das die charakteristischen Komponenten des Faustballsports. Der Gymnasiallehrer für Sport und Geschichte ist Trainer des sechsmaligen Feld- und zweimaligen Hallenstaatsmeisters Union Freistadt. "Einen guten Faustballer zeichnen hervorragende motorische Fähigkeiten, Schnelligkeit und Koordination aus. Natürlich auch eine gewisse Verspieltheit mit dem Ball." Faustball ist ein Rückschlagspiel, das Ähnlichkeiten mit Volleyball aufweist. Die Mannschaften bestehen dabei aus fünf Spielern, die versuchen, den Ball mit Faust oder Arm über eine Leine ins gegnerische Halbfeld zu befördern. Dabei darf das bis zu 370 Gramm schwere Spielgerät von drei unterschiedlichen Spielern innerhalb des Teams berührt werden, dazwischen ist jeweils einmaliger Bodenkontakt erlaubt. Elf Punkte sind nötig, um einen Satz für sich zu entscheiden, für einen Sieg braucht es deren vier.

Die Anfänge des Sports reichen weit zurück. Bereits der römische Dichter Plautus schrieb im dritten Jahrhundert vor Christus von einem "follis pugilatorius" - einem mit der Faust geschlagenen Ball. Auch Johann Wolfgang von Goethe berichtete in seiner "Italienische Reise" von einem derartigen Spiel. Die Wurzeln des modernen Faustballs liegen jedoch im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Anfänglich als Ausgleichssportart für Turner konzipiert, erfreute sich das Ballspiel schnell großer Beliebtheit. Deutsche Auswanderer trugen die Sportart bis nach Südamerika. Dieser Umstand ist auch heute noch allgegenwärtig. Spieler aus Argentinien, Chile und Brasilien stehen nicht selten für heimische Vereine auf dem Platz. Auch beim Finale. Die brasilianischstämmigen Angreifer Jean Andrioli und Sabine Süffert führten ihre Teams - Freistadt und Seekirchen - am Samstag ins Endspiel, mussten sich dort aber jeweils geschlagen geben. "Es ist die technische Raffinesse, die vor allem die Brasilianer ausmacht", meint Woitsch.

"Wie eine Familie"

Andrioli ist nicht nur Kapitän seiner Mannschaft, sondern kümmert sich auch um die Nachwuchsarbeit im Klub. Beim Finale stand er mit vielen von ihm selbst ausgebildeten Jungspielern am Platz. Es ist dieses familiäre Umfeld, das Faustball auch ein Stück weit auszeichnet. "Das macht den Sport nach wie vor aus. Jeder kennt jeden. Zuvor liefert man sich spannende Spiele, und danach wird gemeinsam gefeiert", führt Woitsch aus. Dem kann sich auch Gerhard Zeller, Präsident des Österreichischen Faustballverbandes ÖFBB, anschließen: "Von den ganz Jungen bis hin zu den Senioren ist hier alles wie eine Familie."

Die Staatsmeisterschaften am Wochenende hatten Volksfestcharakter: Bierzelt, Blasmusik, ausgelassene Stimmung. Organisiert wurde das Spektakel vom Veranstalter Union Nussbach. Viele Spielerinnen und Spieler packten selber ehrenamtlich mit an. Die Nussbacher Damen krönten ihr "Finale dahoam" schließlich mit der geglückten Verteidigung des Meistertitels. Im Endspiel setzten sich die Hausherrinnen klar und deutlich mit 4:1 durch. Einzig der erste Satz ging an die Kontrahentinnen aus Seekirchen, die am Vortag noch Laarkirchen eliminiert hatten.

"Jeder kennt jeden. Zuvor liefert man sich spannende Spiele, und dann wird gemeinsam gefeiert."

Andreas Woitsch, Faustballtrainer

Bei den Herren gab es ebenfalls einen Favoritensieg. Die Union Tigers Vöcklabruck holte sich wie schon im Vorjahr den Titel am Feld. Im Finale kam es dabei zur Neuauflage des Europacupfinales vom 21. August gegen Freistadt. Mann des Spiels war zum wiederholten Male der Vöcklabrucker Angreifer Karl Mühllehner, der im Anschluss auch zum MVP gekürt wurde. "Er macht oft den Unterschied aus, aber Vöcklabruck hat in letzter Zeit auf allen Positionen stark zugelegt. Wir haben probiert dagegenzuhalten, ich bin trotzdem stolz", gab sich Andreas Woitsch trotz der Finalniederlage zufrieden.

Dass die Siegermannschaften aus Oberösterreich kamen, ist keine Überraschung oder gar Seltenheit. Von zwanzig Bundesligisten bei Männern und Frauen kommen 17 aus dem Land ob der Enns, für das Finale am Wochenende konnte sich mit Seekirchen (Salzburg) lediglich ein Team aus einem anderen Bundesland qualifizieren. In nicht wenigen oberösterreichischen Gemeinden machen die Faustballer den Fußballern Konkurrenz in Sachen Mitgliedern. Geld fließt keines. Auf dem Feld stehen ausschließlich Amateure. Vom Lehrer über den Studenten bis hin zum Arbeiter ist alles dabei. Das Event in Nussbach strahlte dennoch Professionalität aus.

Große Pläne

Den lokalen Sportplatz verwandelte man in Nussbach in ein kleines Stadion. 800 Steh- und Sitzplätze auf einer eigens konstruierten Tribüne stellten die Veranstalter zur Verfügung. Per Livestream konnte man alle Spiele kostenlos verfolgen, untermalt von Expertenkommentaren und Nachberichterstattung. Dazu übertrug der ORF die Finalserie live auf Sport+. "Solche Events helfen, das Image des Faustballsports voranzutreiben", zeigte sich Präsident Zeller begeistert.

Trotzdem fehlt dem Sport noch die große, internationale Anerkennung. Olympisch ist Faustball bis dato nicht. "Das ist ein laufender Prozess. Wenn die sportpolitischen Rahmenbedingungen es zulassen, wäre das der nächste große Schritt." Für 2023 sind im deutschen Mannheim die bisher größten Weltmeisterschaften im Faustball geplant. Gespielt werden soll in der 12.000 Zuseher fassenden SAP-Arena. Österreich, 2007 WM-Sieger bei den Herren, zählt neben Deutschland, der Schweiz und Brasilien zu den Favoriten.