Tour-de-France-Etappensiege, Grand-Slam- oder WM-Titel im Tennis respektive der Formel 1 für Österreicher. Es sind Momente mit solchem Seltenheitswert, dass sich die Namen ihrer Protagonisten - Max Bulla, Georg Totschnig, seit heuer Patrick Konrad, Thomas Muster und Dominic Thiem beziehungsweise Jochen Rindt (der als gebürtiger Deutscher immerhin mit österreichischer Lizenz fuhr) oder Niki Lauda - unauslöschlich in die rot-weiß-rote Sporthistorie und damit ins kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt haben. Und nun: ein Österreicher beim Ryder Cup, beim Nonplusultra der Golfwelt also - auch wenn dieses mit den ansonsten stattfindenden Turnieren nur wenig gemein hat.

Genau das aber macht auch das besondere Flair aus, das Bernd Wiesberger erleben darf. Quasi am letzten Drücker oder besser Abschlag hat sich der Burgenländer vor eineinhalb Wochen für den ab Freitag in Wisconsin stattfindenden Kontinentalvergleich der besten Golfer Europas mit jenen der USA qualifiziert. Niki Zitny, Sportdirektor des heimischen Golfverbandes, will zwar keine Vergleiche mit anderen rot-weiß-roten Sportpionieren ziehen, tut es dann im Gespräch mit der Austria Presse-Agentur aber doch irgendwie. "Ich möchte keine Leistung gegen die andere ausspielen. Aber ja, das ist sporthistorisch. Natürlich ist es für den österreichischen Sport sehr gut, wenn jemand in einer globalen Weltsportart so eine Leistung erbringt. Das ist richtig cool und super für den Golfsport, aber auch für den österreichischen Sport insgesamt", sagt er. "Wenn du solche Rolemodels in den eigenen Reihen hast, sieht man, das kann ein Österreicher auch schaffen."

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Knapp 110.000 Mitglieder zählt der Verband in Österreich, nur aktive Fußball- und Tennisspieler gibt es mehr in Österreich. Und nach wie vor ist Wachstumspotenzial vorhanden. Corona mag andere Sportarten gehemmt haben, die heimischen Golfvereine, die unter den Ersten waren, die schon nach dem ersten Lockdown wieder öffnen durften, konnten sich aber regen Zulaufs erfreuen. Bewegung an der frischen Luft ohne Kontaktnotwendigkeit hat an Bedeutung gewonnen. Und in Matthias Schwab, der sich vor kurzem die US-PGA-Tourkarte sicherte, Sepp Straka, den Damen, die international aufzeigen, und eben Wiesberger gibt es auch genügend Vorbilder und hochkarätige Testimonials für den Sport.

Die Taschen sind gepackt. 
- © afp / Getty / Patrick Smith

Die Taschen sind gepackt.

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Kein weißer Fleck

Dank Wiesberger ist Österreich nun auch kein weißer Fleck mehr auf der Ryder-Cup-Landkarte, als 13. Nation ist Rot-Weiß-Rot damit im Who is who der Szene vertreten. Und es tut der historischen Dimension der Leistung Wiesbergers keinen Abbruch, dass von der Erstaustragung des Wettkampfs 1927 bis 1973 nur Spieler aus Großbritannien den Kampf gegen die "neue Welt" aufnehmen durften und von da an bis 1979 nur Iren dazugekommen sind. Seitdem allerdings wird ein gesamteuropäisches Team gebildet - was dem Bewerb, der anfangs unter finanziellen und logistischen Herausforderungen litt, zusätzlichen Auftrieb verliehen hat.

Heute verfolgen bis zu 800 Millionen Zuschauer vor dem TV die Spiele; auf dem Platz selbst herrscht "mehr Volksfeststimmung als Golfturnier-Atmosphäre", sagt Wiesberger. "Von den Emotionen her ist es eine ganz andere Kategorie als bei allem, was ich bisher spielen durfte."

Darauf gilt es, sich erst einmal einzustellen, zumal der Heimvorteil für die Amerikaner auch ob der Corona-bedingten Einschränkungen für die Gäste deutlich ausfallen dürfte. Im Team Europa wiederum setzt man neben der Erfahrung von sieben Spielern, die vor drei Jahren in Paris triumphiert haben, eher auf den Zusammenhalt unter Kapitän Padraig Harrington - und auf die Hoffnung, dass der direkt am Michigan See gelegene Platz stark an britische Links-Kurse erinnert und relativ kurz und weich zu bespielen ist, was ein Vorteil für die Gäste sein sollte. Zudem benötigen diese zur erfolgreichen Titelverteidigung lediglich ein Remis, während das US-Team schon gewinnen müsste, um ihnen die Trophäe wegzuschnappen. "Wir werden alles daransetzen, dass sie beim Rückflug an Bord sein wird", sagt Harrington.

Was für Wiesberger auf jeden Fall dabei sein wird, ist eine Erfahrung, wie sie noch kein anderer österreichischer Golfer gemacht hat. "Es ist auf jeden Fall etwas, auf das ich meine ganze Karriere lang hingearbeitet habe", sagt der 35-jährige Burgenländer. Nicht alle (österreichischen) Sportler können von sich behaupten, solche Ziele dann auch erreicht zu haben.