Was haben die belgischen Städte Moorslade, Wagerem, Ronse und Zoldern gemeinsam? Sie haben nicht nur eine Reihe erfolgreicher Rennradsportler hervorgebracht, sondern waren auch Austragungsort einer Straßen-Weltmeisterschaft gewesen. In diesen Tagen wurde diese Liste um die Hafenstädte Knokke-Heist und Antwerpen, beide nahe der niederländischen Grenze gelegen, erweitert. Vize-Europameisterin Nicky Degrendele und Weltmeister Henri Hens wurden hier geboren, und hier erreicht die 88. Straßen-WM, die am 19. September in Knokke-Heist mit dem Zeitfahren begonnen hat, ihren Höhepunkt. Ziel ist die Stadt Löwen.

Als ob es keine Pandemie gebe, werden hunderttausende Fans an den Straßen und eine ausgelassene Stimmung wie in Vor-Corona-Zeiten erwartet. Inmitten des Radsport-Wahnsinns in Flandern gehen die niederländischen Frauen und die belgischen Lokalmatadore als Favoriten in die WM-Höhepunkte rund um Löwen. Nach den Zeitfahren an den Vortagen sind nun im Straßenrennen zunächst am Samstag (12.20 Uhr) die Frauen über 157,7 Kilometer im Einsatz, am Sonntag (10.25 Uhr) fahren die Männer über 268,3 Kilometer um das Regenbogentrikot.

Bei den Frauen fehlt am Start die Olympiasiegerin. Die Niederösterreicherin Anna Kiesenhofer, die in Tokio sensationell triumphiert hat, hatte sich ganz auf das Einzelzeitfahren konzentriert, in dem sie Rang 17 belegte. So bilden Verena Eberhardt, Sarah Rijkes sowie Christina und Kathrin Schweinberger das ÖRV-Quartett. Im Kampf um Gold heißt es wohl alle gegen die starken Niederländerinnen. Zwar tritt Titelverteidigerin Anna van der Breggen nicht in bester Verfassung an, Oranje hat jedoch gleich mehrere Sieganwärterinnen in seinen Reihen.

Pöstlberger nach Sturz in Wels nicht mit dabei

Bei den heimischen Herren musste Lukas Pöstlberger nach seinem Sturz beim Innenstadtkriterium im oberösterreichischen Wels passen, für ihn rutschte Sebastian Schönberger ins Team. Mit Michael Gogl, Marco Haller und Patrick Gamper sind durchwegs Klassiker-Spezialisten im Einsatz. Die Streckencharakteristik mit 42 Anstiegen ist für solche Spezialisten wie gemacht, mit Prognosen sind die Österreicher aber zurückhaltend. "Es ist ein relativ schwerer Kurs, und es ist schwer zu sagen, wie sich das Rennen entwickeln wird", sagte Gogl.

Der klare Favorit ist der belgische Alleskönner Wout van Aert. Der 27-Jährige, der im Einzelzeitfahren Zweiter wurde, hat bei der diesjährigen Tour de France eine Bergetappe, ein Einzelzeitfahren sowie den finalen Sprint in Paris gewonnen. Bei der WM in seiner Heimat würde er seine silberne Serie (jeweils WM-Zweiter beim Zeitfahren 2020 und 2021, beim UCI-Straßenrennen 2020 und im olympischen Straßenrennen 2021 in Tokio) gern beenden. Gefordert werden die von Wout van Aert angeführten Belgier wohl in erster Linie durch die Franzosen um Titelverteidiger Julian Alaphilippe, den Niederländern - mit Mathieu van der Poel an der Spitze - und dem slowenischen Topduo Primoz Roglic und Tadej Pogacar. So wie bei den Frauen fehlt auch bei den Herren mit Richard Carapaz (Ecuador) diesmal der Olympiasieger.

Einen kleinen Vorgeschmack auf die Stimmung boten schon die vergangenen Tage: Tausende Hobbyradler rollten über die abgesperrten Straßen, bei den Juniorenrennen säumten schon in den Morgenstunden zahllose Fans die Strecke, und im Herzen Löwens ging verkehrsmäßig über mehrere Tage hinweg wenig bis nichts. Das war in Moorslade, Wagerem und Co. nicht anders.(rel/apa)