Noch nie hat sich für Bernd Wiesberger eine Niederlage derartig gut angefühlt. Den Schluss lässt zumindest die fast schwärmerische Reaktion des Burgenländers auf das 9:19-Debakel der Europäer gegen die Amerikaner im Ryder Cup zu. Wild und ausgelassen haben die US-Golfer am Sonntag ihren Triumph beim Ryder Cup gefeiert, während Europas Auswahl im prestigeträchtigen Kontinentalvergleich am Ufer des Michigansee den Titel nicht verteidigen konnte.

Es war der höchste Sieg einer Mannschaft in der modernen Ära des Ryder Cups überhaupt. Nur drei Einzel gewannen die Europäer auf dem Whistling Straits Golf Course am Schlusstag. Die Gäste waren nach ihrem 5:11 Rückstand nach den ersten beiden Tagen von einer Aufholjagd meilenweit entfernt, das "Wunder von Medinah" 2012 in Illinois, als die Europäer nach einem 6:10-Rückstand noch acht der zwölf Einzel gewinnen und mit einem Gesamtscore von 14,5 zu 13,5 den Sieg davontragen konnten, wiederholte sich nicht.

Auch Wiesberger schaffte in seinem Duell mit dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten Brooks Koepka keinen Punktgewinn. Sein Cup-Debüt dürfte er dennoch ordentlich genossen haben.

"Es ist schwer zu beschreiben. Erster Ryder Cup, einfach anders, die Kameradschaft, der Gemeinschaftsraum, die Geplänkel, der Spaß und die Freude", sagte Wiesberger in einem Statement auf der Ryder-Cup-Homepage. "Selbst in enttäuschenden Situationen wie am Wochenende war es unglaublich. Es ist eine große Ehre, Teil dieses Team zu sein, und ich hoffe, es war nicht zum letzten Mal. Ich werde alles dafür tun. Diese Woche war einzigartig für mich."

Natürlich habe er sich den Erstauftritt anders vorgestellt, so der 35-Jährige. "Aber ich denke, wir waren knapp dran, in entscheidenden Momenten ist es für uns eben nicht gelaufen. Das lässt es im Ergebnis viel leichter aussehen, als es sich bei den vielen Spielen angefühlt hat. Wir starten nun neu und gehen es 2023 wieder an", meinte Wiesberger.

Die Jungen kommen

Tatsächlich kommen aber auf die Europäer harte Zeiten zu. Sie werden sich überlegen müssen, wie sie ihr Team für die Zukunft aufstellen wollen. Vor allem personell könnten die fetten Jahre, die den Europäern allein in den vergangenen zehn Jahren sieben Triumphe beschert haben, bald vorbei sein. So ist etwa fraglich, ob die drei englischen Routiniers Lee Westwood (48 Jahre), Ian Poulter (45) und Paul Casey (44) beim 44. Ryder Cup 2023 in Rom noch mit von der Partie sein werden. Es ist daher davon auszugehen, dass in Rom das Europa-Team anders und vor allem jünger aussieht. Noch in den USA wurden junge Profis wie der 20-jährige Däne Rasmus Hojgaard oder der Österreicher Matthias Schwab (26) ins Spiel gebracht. (Für diese Auflage hatte sich ursprünglich auch Österreich mit dem Fontana GC beworben.)

Die Amerikaner ficht das nicht an, und das US-Team darf mit einer gestärkten und vor allem jungen Truppe von künftigen Erfolgen träumen. Kapitän Steve Stricker sprach in diesem Zusammenhang sogar vom Beginn einer neuen Epoche. "Dies ist eine neue Ära", betonte der 54-Jährige. "Die Jungs sind jung. Sie wollen es. Sie sind motiviert. Sie kamen hierher, um zu siegen. Ich konnte es in ihren Augen sehen." Tatsächlich haben im Unterschied zu den Europäern sämtliche US-Spieler ihren 40. Geburtstag noch vor sich. Der beste Punktesammler in Wisconsin war dennoch "Senior" Dustin Johnson. Der 37-jährige Weltranglisten-Zweite gewann gleich alle fünf Partien, für die er eingesetzt worden war.(rel/apa)