Die Rücktrittserklärung wirkt wie eine gut inszenierte Wahlwerbung, und gewissermaßen ist sie das auch. Sie zeichnet den Weg Manny Pacquiaos vom kleinen Buben nach, der früh lernt, sich durchzuschlagen, der seine Talente und wohl auch Emotionen im Boxsport auslebt und kanalisiert, sie zeigt Manny Pacquiao, den Champion in acht Klassen, Pacquiao, den weltweit umjubelten Popstar, und Pacquiao, den bodenständigen Heimatverbundenen, gleichermaßen - darüber hinaus Pacquiao, wie er in feinem Zwirn zu seinem Publikum spricht.

Künftig will er das häufiger tun. Denn nachdem er die Politik vor elf Jahren als sein zweites Standbein auserkoren hat, tauscht er den Ring nun gänzlich gegen dieses Bankett. Mit 42 Jahren soll seine sportliche Karriere nach einer nie wahrgemachten ersten Rücktrittsankündigung aus dem Jahr 2015 tatsächlich Geschichte sein. Stattdessen will er sich im kommenden Jahr als Nachfolger von Rodrigo Duterte zum Präsidenten der Philippinen wählen lassen. "Ich bin ein Kämpfer und werde immer ein Kämpfer sein, im Ring und außerhalb des Rings", sagt er.

Boxen und Politik, das passt natürlich besser als die Faust aufs Auge. Die Fähigkeit, zu kämpfen, immer wieder aufzustehen und kein Problem damit zu haben, sich notfalls eine blutige Nase zu holen, sind Attribute, die sich Politiker gerne auf die Fahnen heften. Da muss man gar nicht so weit gehen wie einst der kanadische Konservative Patrick Brazeau, der sich vor neun Jahren tatsächlich im Ring von einem liberalen Abgeordneten k.o. schlagen lässt. Der Abgeordnete ist Justin Trudeau, sein Werdegang zum kanadischen Premier bekannt.

Andernorts, genauer gesagt in Kiew, bekleidet in Witali Klitschko einer der erfolgreichsten Boxer der vergangenen Jahrzehnte das Bürgermeisteramt. Der große Muhammed Ali wiederum gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter der Anti-Kriegs-Bewegung der USA der späten Sechzigerjahre - auch wenn seine eigene Wehrdienstverweigerung ihn Titel und Jahre seiner Karriere kostet und er selbst nie ein ausgewiesenes politisches Amt innehat.

Witali Klitschko ist Bürgermeister in Kiew. 
- © afp / Sergei Supinsky

Witali Klitschko ist Bürgermeister in Kiew.

- © afp / Sergei Supinsky

Nun hat also Pacquiao gute Chancen, Präsident der Philippinen zu werden. Auf ihn trifft vielleicht in besonderem Ausmaß zu, was seit jeher und überall auf der Welt Usus ist: große Hoffnungen auf Persönlichkeiten zu projizieren, die in anderen Bereichen schon Herausragendes geleistet haben.

Schließlich gelten sie nicht nur als Kämpfer, sondern als "Anpacker", Pacquiao wiederum wird "Pacman" genannt. Pac(k) ma’s an, könnte daher die Devise lauten, und Anpackbedarf gibt es auf den Philippinen reichlich.

Der südostasiatische Inselstaat wird immer wieder von (nur scheinbar religiös motivierten) Konflikten und terroristischen Anschlägen erschüttert, in weiten Teilen des Landes herrscht Armut, in Wirtschaft und Politik Korruption. Erschwerend kommt die Corona-Krise hinzu, die den Staat und vor allem die ärmere Bevölkerung hart getroffen hat.

Um die Unruhen klein zu halten, führt Duterte das Land mit eiserner Faust, mit Schikanen von Kritikern und Erschießungen von Drogendealern - beziehungsweise solchen, die dafür gehalten haben. Als Präsident darf er nach seiner Amtszeit nicht mehr kandidieren, er könnte aber Vizepräsident werden.

Seine Tochter Sara Duterte-Carpio wiederum hat schon Ambitionen auf das höchste Amt im Staat angemeldet, mit ihr würde wohl der strenge Kurs des Vaters beibehalten werden.

Von Pacquiaos inhaltlichen Plänen indessen ist abgesehen von oftgehörten Schlagworten (Kampf gegen die Armut, Kampf gegen Korruption, oder - auch sehr beliebt: dem Land etwas zurückgeben) wenig bekannt. Er sitzt zwar formell seit einigen Jahren im Senat, physisch glänzt er dort aber wegen seiner Boxkarriere meist durch Abwesenheit.

"Boxen und Politik, das passt natürlich besser als die Faust aufs Auge. Doch von Pacquiaos inhaltlichen Plänen sind hauptsächlich Schlagworte bekannt."

Er gehört der Duterte-Partei PDP an, doch diese, hervorgegangen aus verschiedenen Oppositionsbewegungen gegen die Marco-Diktatur, verfolgt ebenfalls keine einheitliche Linie. Pacquiao wird im Vorjahr zum Vorsitzenden der Partei ernannt, nach einem Konflikt mit dem amtierenden Präsidenten, dem er ein Wuchern der Korruption in seiner Amtszeit vorwirft, aber auch schnell wieder abgesetzt.

Revolutionen braucht man sich von ihm jedoch nicht zu erwarten, immer wieder fällt der strenggläubige Katholik mit diskrimierenden Äußerungen über Homosexuelle auf. Seine Selbstbeschreibung in Interviews lautet "hart, aber fair". Doch das würden wohl viele von sich behaupten, viele Boxer und auch viele Politiker.

Eine harte Faust hat Pacquiao im Ring schon oft bewiesen. 
- © afp / Jewel Samad

Eine harte Faust hat Pacquiao im Ring schon oft bewiesen.

- © afp / Jewel Samad