Um 10 Uhr stehen alle parat. Sportschuhe zugeschnürt, Pulsuhr aufgeladen und, ganz wichtig, aufgewärmt. Insgesamt sind es zehn Athleten, die in den nächsten Stunden ihre Runden in der steirischen Stadt Feldbach ziehen werden. Einer dieser Athleten ist Roman Brzezowsky. Er ist ein schlanker, großer Mann mit ein paar grauen Haaren. Beim Start wirkt er fokussiert und locker zugleich. "Dauert eh nicht mehr lange", sagt er zu Beginn des Rennens. Die Gruppe der restlichen Athleten lacht.

Ein gesunde Portion Optimismus wird man für diesen Tag auf jeden Fall brauchen, denn insgesamt müssen die Athleten 20, 35 oder gar 50 Kilometer absolvieren. Für Brzezowsky ist diese Situation nichts Neues. Er ist nämlich schon achtfacher Staatsmeister im Gehen. Ja, im Gehen. Gehen zeichnet sich als absolute Randsportart aus. Vielen ist die Sportart entweder aus "Malcolm mittendrin" oder von Olympia bekannt. Seit 1932 ist Gehen olympisch, damals nahm man den 50-Kilometer-Bewerb ins Programm auf. Bei den Spielen in Melbourne im Jahre 1956 kamen die 20 Kilometer hinzu. Erst seit 1992 dürfen Frauen bei Olympia um die Medaillen kämpfen beziehungsweise gehen. Diese traditionelle Sportart wird auch in Österreich betrieben. Am Wochenende gingen in Feldbach die Staatsmeisterschaften im Gehen über die Bühne. Klein, aber fein möchte man fast sagen. Inklusive aller Rahmenbewerbe werden rund 50 Geher ihre Runden in Feldbach drehen.

Technik und Geschwindigkeit

Für Dietmar Hirschmugl ist Gehen sogar die Königsdisziplin der Leichtathletik. "Die 50 Kilometer sind die längste Distanz, die man in der Leichtathletik absolvieren kann", sagt er. Der Steirer ist selbst Geher, ehemaliger Staatsmeister und an diesem Tag Gehrichter. Er ist einer von vielen, die auf der ein Kilometer langen Strecke verteilt sind, um den Athleten auf die Füße schauen. Im Gegensatz zum Laufen, wo es keine fixen Regularien gibt, was die Technik anbelangt, gibt es beim Gehen Einschränkungen. "Der Hauptpunkt ist, dass man permanenten Bodenkontakt hat", sagt Hirschmugl. Zusätzlich muss beim Aufsetzen des Fußes auf den Boden das gesamte Bein durchgestreckt sein. Erst wenn das Bein senkrecht auf dem Boden steht, kann die Ferse langsam gelöst werden. Klingt kompliziert, ist es auch. "Laufen kann jeder, gehen muss man lernen", so Hirschmugl.

Durch diese Regeln kommt es beim Gehen zu einem sehr speziellen Bewegungsablauf, der auf den ersten Blick etwas speziell aussieht. Die Hüfte bewegt sich stark im Kreis, die Füße werden sehr abrupt abgerollt. Laut Hirschmugl ist das Ganze komplett ungefährlich, solange die Technik stimmt. Für ihn ist es sogar eine Art mentale Therapie. "Man ist im Training oft sehr lange allein unterwegs. Man ist komplett bei sich, das Gehen hat für mich einen meditativen Charakter", sagt er.

Trotzdem kämpft man nicht nur in Österreich, sondern weltweit um Nachwuchs. Um den Sport attraktiver zu machen, hat der Leichtathletik-Weltverband im Jahr 2019 entschieden, den 50-Kilometer-Bewerb abzuschaffen. Dadurch soll das Gehen für neue beziehungsweise junge Zielgruppen attraktiver gemacht werden. In Zukunft wird die längste Distanz 35 Kilometer aufweisen. Ein Kompromiss, der nicht überall mit Wohlwollen angenommen wird. "Für die Männer wird der Bewerb dadurch weniger anspruchsvoll", sagt Hirschmugl.

Die schiefe Ästhetik

Attraktiver zu werden, sei auch das Hauptziel der österreichischen Geher-Community. Besonders junge Menschen können sehr schwer für das Gehen begeistert werden. "Wir kämpfen schon ziemlich lange, dass wir die Sportart populärer machen", sagt Franz Kropik, Mitglied der Non-Stadion-Kommission des Österreichischen Leichtathletik Verbandes (ÖLV) und selbst leidenschaftlicher Geher. Natürlich könne man mit Breitensportarten wie Fußball nicht mithalten. Das Potenzial für eine größere Community bestehe trotzdem, so Kropik. "Gehen ist einfach nicht so bekannt. Außerdem schaut es auch ein wenig komisch aus" sagt Kropik.

Die Ästhetik des Gehens ist auch für Gehrichter Hirschmugl ein möglicher Grund für den fehlenden Nachwuchs. "Man muss in der Anfangszeit schon viele komische Blicke aushalten", sagt er. Viele Blicke sind es aber nicht, die die Geher in Feldbach nicht aushalten müssen. Die Zuschauerzahl an der Strecke ist, so wie das Geher-Feld, überschaubar. Die Anfeuerungsrufe kommen meist von den Betreuern. Roman Brzezowsky wird das Rennen mit einer Zeit von 5:26:08 Stunden als Erster beenden. Es ist somit sein neunter Staatsmeistertitel und gleichzeitig sein letzter über die 50 Kilometer. Die Programmänderung ist für ihn nachvollziehbar. "Es ist, wie es ist. Natürlich ist etwas Wehmut dabei, aber die 35 Kilometer sind lang genug", sagt er sichtlich erschöpft nach dem Rennen. Er selbst ist durch Zufall zum Gehen gekommen. "Mein Trainer hat spontan jemanden für die Mannschaftswertung gebraucht, und ich bin eingesprungen", so Brzezowsky.

Seitdem ist er dabeigeblieben. Das Gehen macht für ihn die Kombination aus Technik und Geschwindigkeit aus. "Beim Laufen ist es nicht so tragisch, wenn man durch die Müdigkeit die Technik verliert. Beim Gehen fliegt man raus", sagt er. Richtig gehen will eben gelernt sein.