Sie leuchten hell und strahlend, entgegen fast aller Erwartungen. In der Endspielserie der nordamerikanischen Weltmeisterschaft im Baseball messen sich ab Dienstagabend die Atlanta Braves mit den Houston Astros, der erste Pitch soll um Punkt 19 Uhr und 9 Minuten Ortszeit (1.09 Uhr MESZ) im Minute Maid Park fliegen, wo letztere beheimatet sind. Nach allen herkömmlichen Massstäben handelt es sich angesichts der Leistungen beider Teams während der regulären Saison um eine, gelindest formuliert, eher unerwartete.

Während binnen nämlicher drei andere Mannschaften dominierten und hundert beziehungsweise mehr Siege in insgesamt 162 Spielen einfuhren, war es weder den Männern aus Georgia (88) noch den Texanern (95) vergönnt, diese Latte zu überspringen. Weil aber Gott, sprich die Herren der Major League Baseball (MLB), vor den Einzug in die World Series die Play-offs gesetzt hat, erwiesen sich die Bestmarken der San Francisco Giants (107), der Los Angeles Dodgers (106) und der Tampa Bay Rays (100) in der Endabrechnung als vergebene Liebesmüh. Während die Astros, wenn sie nicht gerade betrügen - wie sich vor zwei Jahren herausstellte, hatten sie 2017 und 2018 auf illegale Art und Weise die Signale der gegnerischen Pitcher ausspioniert - quasi ein Dauerabo auf die Endspielteilnahme haben (dreimal in den vergangenen fünf Jahren), hatte die Braves bis vor kurzem niemand wirklich auf dem Radar.

Entsprechend groß war die Verwunderung, als die von Head Coach Brian Snitker angeleiteten Männer am Samstagabend im heimischen Truist Park den Finaleinzug gegen die Titelverteidiger aus Los Angeles besiegelten. Als der letzte Pitch geworfen war, stand es nach Punkten wie nach Spielen 4:2, und die Braves feierten verdient ihren ersten Finalserien-Einzug seit über 20 Jahren.

Brian Snitker führte die Braves überraschend in die Finalserie. 
- © apa / afp / Getty / Kevin Cox

Brian Snitker führte die Braves überraschend in die Finalserie.

- © apa / afp / Getty / Kevin Cox

Zu melden hatten sie in dieser indes seinerzeit nix. 1999 gingen sie 0:4 gegen die New York Yankees unter - eine auch deshalb bemerkenswerte Geschichte, weil es das bis heute letzte Mal war, dass ein Team die World Series in zwei direkt aufeinander folgenden Jahren gewinnen konnte. Bereits am Freitag hatten die Astros den Sack ihrerseits zugemacht. Mit einem eindrucksvollen 5:0 vor heimischer Kulisse schmissen sie die Boston Red Sox aus dem Bewerb und brauchten dafür ebenfalls nur sechs Spiele.

Die Tradition steht auf Seiten der Braves

Was die Einschätzungen der Buchmacher in Las Vegas angeht, sind die von Head Coach Dusty Baker betreuten Spieler nicht nur deshalb die klaren Favoriten, auch wenn die Tradition auf der Seite der Braves steht. Im Gegensatz zu den Anfang der Sechzigerjahre zuerst als Colt.45s gegründeten Astros, die ihr bisher einziges Championat vor vier Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit allem anderen voran ihren Schwindeleien zu verdanken haben - für die die Liga seltsamerweise im Nachhinein nur Funktionäre, aber keinen einzigen Spieler bestrafte -, schrieb sich Atlanta bereits dreimal als Sieger in die Geschichtsbücher ein (1914, 1954, 1995). Als Schlüssel zum Erfolg gilt indes nicht nur den professionellen Zockern die Erfahrenheit Bakers, der im Gegensatz zu seinem Widerpart die Commissioner’s Trophy schon als Spieler in Händen halten durfte (1981 mit den Dodgers).

Mit 72 Jahren ist der Afroamerikaner der zweitälteste Cheftrainer, der jemals ein Team in einer Endspielserie betreute - eine einsame Bestmarke, die nur von "Trader Jack" McKeown übertroffen wird, der rund fünf Monate vor Baker das Licht der Welt erblickte und 2003 beim Erfolg der Florida Marlins (heute Miami Marlins) auf der Bank saß. Wiewohl Braves-Coach Snitker mit zarten 66 auch nicht mehr der Jüngste ist, trennen ihn und Baker nicht nur äußerlich Welten. Während Baker seine Spielerkarriere einst in Atlanta zu einer Zeit begann, in der die Rassentrennung im amerikanischen Süden noch gang und gäbe war, und erst an der Westküste zum Star wurde (Dodgers, Giants, Oakland Athletics), dient Snitker, dessen Laufbahn als Spieler sich auf die Minor Leagues beschränkte, den Braves in verschiedenen Funktionen seit Ende der Siebzigerjahre praktisch ununterbrochen.

Auch wenn Baker der ganz große Wurf als Head Coach bisher nicht gelingen wollte, erarbeitete er sich seit den Neunzigern einen Ruf als gewissenhafter Arbeiter - einem, dem allerdings nachgesagt wird, dass er sich allzu oft auf Veteranen verlässt und sich mit der Entwicklung jüngerer Spieler eher schwer tut. Eine Tatsache, die sich auch in den einschlägigen Statistiken niederschlägt und bis zu dieser Saison oft als Grund dafür herhalten musste, warum es seine Teams (Giants, Chicago Cubs, Cincinnati Reds, Washington Nationals) zwar regelmäßig in die Play-offs, aber bisher nie darüber hinaus schafften. Mit dem Einzug in die World Series 2021 hat Baker zumindest einen Teil des Fluchs hinter sich gelassen.