Sie gehören zu den Wandervögeln der Major League Baseball, die Atlanta Braves, deren Geschichte bis in die 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgeht. In ihrer Zeit in Boston konnten sie 1914 die World Series gewinnen, danach in Malwaukee 1957 erneut. Doch seit 1966 haben sie nur noch Georgia on their minds – und nun holten sie den Titel zum zweiten Mal nach 1995 nach Atlanta, in eine Stadt, die zwar historisch eine besondere Bedeutung noch aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs und während der Bürgerrechtsbewegung in den 60er-Jahren, in den großen Sportligen aber bisher alles andere als eine überragende Rolle gespielt hat.

Der Gewinn der Major League Baseball, den die Braves im sechsten Spiel der World Series mit einem 7:0 gegen die Houston Astros feierten, war also nicht nur für sie ein besonderer – sondern auch für Atlanta.

In der Football-Liga NFL standen die hier ansässigen Falcons bisher zweimal in der Super Bowl, in der sie ebenso oft als Verlierer vom Platz gingen (1999, 2017), in der Basketball-Liga NBA feierten die jetzigen Atlanta Hawks zwar ein Championat – das war aber kurz bevor sie in die Stadt zogen. Und in der Eishockey-Liga NHL stellt man gleich gar kein Team, der zweite Versuch, ein solches zu etablieren, scheiterte vor genau zehn Jahren mangels Tradition und Geld. Nur in der Major League Soccer konnte die hier beheimatete Mannschaft 2018 den Titelgewinn feiern, sportlicher Stolz der 500.000-Einwohner-Stadt, 1996 immerhin Austragungsort der Olympischen Spiele, sind und bleiben aber die Braves, heute mehr denn je.

"Alles, was schief gehen konnte, ist schief gegangen."

Klubveteran Freddie Freeman

Dazu kommt, dass Finalgegner Houston auch in weiten anderen Teilen des Landes nicht besonders gut angeschrieben ist, seit er sich den Titel 2017 durch Ausspionieren der Gegner mutmaßlich erschlichen hatte. Den Titel – gewonnen in der Finalserie gegen die populären Los Angeles Dodgers – durften die Astros zwar behalten, die Sympathien außerhalb der eigenen Fanbasis sind aber nachhaltig verspielt.

Auch deshalb hielten viele Amerikaner in den vergangenen Tagen den Braves die Daumen, die in dieser Saison zudem eine Art Aschenputtel-Geschichte schrieben.

Klubveteran und First Baseman Freddie Freeman, der seit 2007 für die Braves spielt, brachte auf den Punkt, warum dieser Titel ein ganz besonderer war. "Das Team hat in dieser Saison jedes Tief durchgemacht, das möglich ist", sagte er. "Alles, was schief gehen kann, ist schief gegangen. Und wir haben jedes einzelne dieser Dinge überwunden. Wir haben einfach jeden Tag weitergemacht, uns vorbereitet und gearbeitet – und jetzt stehen wir als Champions da", sagte er fast ungläubig.

Award für Kubaner Soler

Verletzungen haben den Weg der Braves gepflastert, zuerst war Pitcher Mike Soroka mit einer Achillessehnenblessur ausgefallen, dann Outfielder Ronald Acuna mit einem Kreuzbandriss, und zuletzt im ersten Spiel der World Series Charlie Morton mit einem Beinbruch. Zudem stand Marcell Ozuna wegen seiner Anklage wegen häuslicher Gewalt nicht zur Verfügung. Doch angeführt von der Neuverpflichtung Jorge Soler ließen sich die Braves auch im sechsten Spiel nicht beirren und setzten sich letztlich klar durch.

Jorge Soler wurde erst als zweiter Kubaner mit der Trophäe für den wertvollesten Spieler ausgezeichnet. Er kam erst im Juli zu den Braves - und schlug sofort ein. - © apa / afp / Getty / Bob Levey
Jorge Soler wurde erst als zweiter Kubaner mit der Trophäe für den wertvollesten Spieler ausgezeichnet. Er kam erst im Juli zu den Braves - und schlug sofort ein. - © apa / afp / Getty / Bob Levey

Und auch Soler schrieb an diesem Tag eine besondere Geschichte, ist er doch erst der zweite Kubaner, der als Most Valuable Player ausgezeichnet wurde.

Der 29-Jährige hatte den Außenseiter mit einem Homerun im dritten Inning 3:0 in Führung gebracht. Drei weitere Punkte im fünften Inning waren die Vorentscheidung in der Begegnung, die zu einem unerwarteten Debakel für die Gastgeber geriet.

Soler, der die World Series schon 2016 mit den Cubs gewonnen hatte, war erst im Juli zu den Braves gekommen, wo er sich auf Anhieb wohlfühlte. "Natürlich ist es sehr aufregend für mich, die Möglichkeit zu haben, für dieses Team zu spielen. Und es ist extrem aufregend, erst der zweite Kubaner zu sein, der diese Auszeichnung bekommt", sagte er.

Das Team habe seine Widerstandskraft gezeigt, befand Head Coach Brian Sntiker, der schon seit 45 Jahren für das Franchise arbeitet. "Diese Burschen haben nie aufgehört, an sich zu glauben, sie haben nie aufgehört zu arbeiten", sagte er. Und sie haben nicht nur der langen Historie der Braves ein weiteres Kapitel hinzugefügt – sondern auch Atlanta eines von seltenen sportlichen Glanzlichtern beschert.