Geschichte zu schreiben, ist ihr nicht fremd, gewöhnt wird man es dennoch nie. Am Sonntag war beim Darts-Grand-Slam in Wolverhampton jedenfalls wieder so ein Tag, an dem Fallon Sherrock ihrer Geschichte und damit auch jener von Frauen im Darts-Sport ein weiteres Kapitel hinzufügte, das selbst für sie neben einem klaren 5:0-Sieg gegen den Niederländer Mike de Decker eine unerwartete Wendung sowie eine neuerliche Bestmarke bereit hielt.

Beim Grand Slam in Wolverhampton warf die 27-Jährige einen Durchschnitt von 101,55 Punkten pro drei Darts und schaffte so den höchsten Schnitt, den je eine Frau bei einem im TV übertragenen Match erreichte. "Ich bin absolut begeistert. Den Rekord zu brechen, ist verrückt. Ich bin stolz auf mich heute Abend", sagte die "Queen of the Palace", wie Sherrock in Anlehnung an ihre WM-Siege im Dezember 2019 genannt wird.

Unerwartete Wendungen, das zieht sich sowieso durch Leben und Karriere der Engländerin, nicht erst seit damals, als sie als erste Frau einen Sieg über einen Mann bei der PDC-Weltmeisterschaft feierte und in der zweiten Runde auch den Wiener Mensur Suljovic auf die Heimreise schickte. Seit damals ist sie ein Superstar, Everybody’s Darling und wird als Ikone des Sports wie dereinst Billie Jean King, die Vorreiterin im Frauen-Tennis, gefeiert. Davor aber hatte sie lange Jahre zu kämpfen gehabt. Weil sie vom Darts-Sport nicht leben konnte, als alleinerziehende Mutter schon gar nicht, ging sie nebenbei dem Friseurberuf nach; wegen einer langwierigen Erkrankung musste sie starke Medikamente nehmen, die ihr Schwellungen im Gesicht und damit diskriminierende Äußerungen über ihr Aussehen einbrachte.

Heute strahlt ihr Gesicht von zahlreichen Plakaten, sie nimmt nicht nur an großen Turnieren, sondern auch an zahlreichen Show-Veranstaltungen teil, die zwar sportlich nicht immer den allerhöchsten Wert haben, der Sportart und ihr selbst aber weitere Popularität sowie ein gutes Taschengeld einbringen.

Die WM kann kommen

Dass dies den Haken haben könnte, dass der Sport, dessen mögliche Olympia-Ambitionen die Szene scheiden, durch solche Showevents verwässert werden könnte, fürchten die Beteiligten zwar nicht -, lieber wäre es Spielerinnen wie Sherrock aber, noch öfter die Möglichkeit zu bekommen, ihr Können auch bei den größten Turnieren zu zeigen. Denn drei Jahre, nachdem die ersten beiden Plätze bei einer PDC-WM für Frauen reserviert wurden, ist dies noch immer keine Selbstverständlichkeit. Sherrock war im Februar nach ihren vielumjubelten WM-Siegen die erste Spielerin in der Premier League, im selben Jahr löste ihre Landsfrau Lisa Ashton als erste die Tourkarte.

Sherrock wiederum konnte sich im Vorjahr zwar nicht für die WM qualifizieren, zeigte dafür heuer wieder mehrmals auf. Bei den Nordic Darts Masters erreichte sie nach einer fulminanten Aufholjagd das Finale gegen Michael van Gerwen und lieferte auch dem langjährigen Weltranglistenersten und mehrfachen Weltmeister ein spannendes Match, in dem sie zunächst führte, am Ende dennoch mit 7:11 unterlag. Immerhin konnte sie sich damit trösten, dass sie damit zur bisher einzige Frau in der Geschichte der PDC aufstieg, die das Finale eines TV-Turniers erreicht hat. Nun also folgte der nächste Meilenstein, abermals live vor Topquoten im Fernsehen. Es wird immer schwieriger, die Erfolge der Topspielerinnen zu übersehen. Und die WM im Ally Pally, bei der die weiblichen Topspielerinnen Sherrock und Ashton wieder Part of the Party sein werden, kommt ja erst.