Stell dir vor, es ist Daviscup, sogar das Finalturnier, und ein Teil dessen sogar in Österreich - und niemand geht hin. Vor genau diesem Szenario stehen die Organisatoren des ÖTV nun, die die Gruppe F nach Innsbruck gebracht haben. So groß der Jubel nach dem Zuschlag auch war, so bitter ist nun die Enttäuschung. Denn angesichts des Lockdowns werden die Spiele gegen Serbien - mit dem Weltranglistenersten Novak Djokovic - am Freitag sowie dem Lieblingsrivalen Deutschland am Sonntag nun ohne Zuschauer ausgetragen - eine Situation, die man aus Tennis-Länderkämpfen nicht kennt.

An der Ausgangslage ändert sich freilich nicht viel. Denn sportlich sind die Österreicher, die nicht nur ohne Publikum, sondern auch ohne der Nummer eins Dominic Thiem auskommen müssen, gegen beide Nationen Außenseiter. Dennoch hoffen Dennis Novak und Co. auf eine Überraschung. Und der Modus macht diese mit zwei Einzeln und einem Doppel vielleicht etwas möglicher als früher mit vier Singles und einem Doppel.

Das große Publikumsfest, einerseits gegen Djokovic, andererseits das aufgeheizte Duell mit Deutschland, gibt es also nur vor den Fernsehschirmen - ServusTV überträgt die Spiele live. In Gruppe C treffen Frankreich, Tschechien und Großbritannien aufeinander. Die jeweiligen Gruppensieger spielen am Dienstag ein Viertelfinale, zudem haben die zwei besten Gruppenzweiten aus allen Pools (je zwei weitere in Madrid und Turin) die Chance auf ein weiteres Viertelfinale dann in Madrid.

Davon kann Österreich aufgrund der Ausgangs-Situation aber nur träumen, doch natürlich wird die Truppe von Stefan Koubek alles versuchen, diesen Traum wahr zu machen. "Sie sind alle gut drauf. Dennis kann im Match noch ein Scheibchen dazulegen, die anderen zwei sind ziemlich gleich auf", sagt Koubek. Mit den "anderen beiden" meint der Kärntner Gerald Melzer und Jurij Rodionov. "Man sieht, dass Gerald Selbstvertrauen hat von den letzten Wochen. Das hat der Jurij vielleicht nicht so, aber der hat den Ball super am Schläger. Es fühlen sich alle wohl hier", berichtet Koubek, der sich erst kurzfristig entscheiden will, wer neben Novak der zweite Einzelmann für den ÖTV ist.

Fakt ist, dass es am Freitag im zweiten Spiel nach 16 Uhr das Duell "Novak gegen Novak" geben wird: Dennis Novak gegen Novak Djokovic - die Nummer 118 der Welt gegen die Nummer eins. Der 28-jährige Niederösterreicher ist gegen den 20-fachen Majorsieger im ersten Aufeinandertreffen mit dem Serben natürlich klarer Außenseiter. "Man weiß als Spieler, dass man wirklich eine sehr gute Leistung auf den Platz bringen muss. Man ist von Anfang an konzentriert, da gibt es kein Einspielen, vor allem nicht gegen Nole", sagt Koubek auf dieses Match.

Publikum-Fehlen trifft hart

Die volle Konzentration sei ohnehin automatisch gegeben. "Du weißt, du spielst gegen den absolut Besten der Welt." Seine Nummer eins sei ein Spieler, der im Daviscup immer sehr gute Leistungen gebracht habe. Und über Djokovic: "Man kann ihn schon am falschen Fuß erwischen. Das kann auch hier passieren. Wenn Dennis gut drauf ist, kann er ihn zumindest ärgern."

Geärgert hat man sich natürlich auch darüber, dass der Heimvorteil fast ganz weggefallen ist, ohne Fans im Rücken. "Das mit Dominic wissen wir schon lange, dass er nicht dabei sein wird, aber das fehlende Publikum ist für uns ziemlich hart - speziell gegen die Deutschen", meint er. "Da wäre das schon interessant gewesen. Das Publikum damals in Garmisch war auch ein Wahnsinn, da gibt es immer eine spezielle Atmosphäre und das ist schade." Doch alles Jammern nütze nichts. "Wir werden alles geben, dass wir unsere Chance wahren und nutzen." Gegen Deutschland hält Österreich trotz manch historischer Begegnungen, allen voran jene in Unterpremstätten (2:3 1994), bei einer 0:5-Bilanz.

Auch Kohlmann, der ohne Olympiasieger, Wien-Gewinner und ATP-Finals-Triumphator Alexander Zverev auskommen muss, bedauert das Fehlen der Fans. "Innsbruck ist nicht weit von München entfernt, wir hätten auch relativ viele Leute hier vor Ort gehabt. Klar ist der Heimvorteil mit Sicherheit nicht wegzudiskutieren und wäre auch für uns eine besondere tolle Atmosphäre gewesen. Sowohl gegen Österreich als auch gegen Novak Djokovic und Serbien wäre das Stadion mit Sicherheit sehr gut gefüllt gewesen", meint Koubeks Pendant Michael Kohlmann. Er hofft, dass sein von Jan-Lennard Struff angeführtes Team die Leistung auf den Platz bringt. "Und wir die Serie (gegen Österreich, Anm.) auf 6:0 ausbauen."

Auch Kohlmann sieht Serbien als absoluten Topfavoriten. Sowohl Österreich als auch Deutschland spielen in der Dreiergruppe zunächst gegen die Serben. "Es ist für uns beide ein wichtiges Spiel. Nach diesem Spiel wird sich entscheiden, ob wir überhaupt noch eine theoretische Chance haben oder nicht", meinte der Deutsche. "Wir wollen nach Madrid, ob als Erster oder Zweiter ist uns egal." Und ob mit oder ohne Publikum, muss letztlich auch egal sein.(art/apa)