Stolz und Erleichterung - das waren die Worte, die nach dem Auftaktsieg von Österreichs Handball-Frauen-Nationalteam bei der WM in Spanien am häufigsten fielen. Nicht nur, dass die Österreicherinnen die richtige Antwort auf die unorthodoxe Spielweise der Chinesinnen fanden und diese mit 38:27 regelrecht aus der Halle schossen, besiegte man auch das Corona-Gespenst. Nachdem schon Teamchef Herbert Müller, sein Co-Trainer und eine Spielerin die Abreise wegen eines positiven Tests versäumt hatten, erwischte es nur zwei Stunden vor Spielbeginn auch vier weitere Leistungsträgerinnen: Petra Blazek, Sonja Frey, Stefanie Kaiser und Nina Neidhart konnten somit nicht am ersten Spiel der ÖHB-Damen nach zwölf Jahren teilnehmen. "Jeder im Team hat geweint, als die Nachricht gekommen ist", sagte Patricia Kovacs nach dem Match. "Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle."

"Wir haben für sie gewonnen", stellte dann auch Helfried Müller, der seinen Bruder auf der Kommandobrücke vertrat, fest. Der wiederum meldete sich euphorisiert aus der Quarantäne zu Wort: "Welch Charakterstärke nach all den Horrornachrichten und gesundheitlichen Rückschlägen! Das war herausragend", meinte Müller noch am Abend. Müller war der einzige der positiv Getesteten, der Symptome hatte, "aber das Spiel zu sehen, war ein Lebenselixier", betonte er tags darauf, als er bereits einen negativen Antigentest abgeliefert hatte.

"Müssen 1:1-Situationen noch besser lösen"

Nach Spanien nachfliegen kann er freilich nur, wenn auch die PCR-Testung negativ ist, er hoffe jedenfalls darauf, beim dritten Spiel am Montag gegen Spanien dabei sein zu können. Vorher wartet auf die Österreicherinnen noch an diesem Samstag Argentinien (18Uhr/ORF Sport+), Kovacs und Co. sehen sich angesichts der personellen Schwächung als Außenseiterinnen. "Es wird sehr, sehr schwer. Aber wir werden nicht mit Händen oben oder der weißen Flagge antreten", sagt Kovacs, die kurzfristig die Kapitänsbinde von Blazek übernommen hatte. "Das hat sich irgendwie nicht richtig angefühlt. Das hätte ihr Moment sein sollen."

Allen Widrigkeiten und Unwägbarkeiten zum Trotz - bei einigen positiven Fällen geht schließlich auch das Gespenst um, es könnten weitere hinzukommen - gelte es nun aber, nach vorne zu schauen. Obgleich Müller (und Müller) die Mannschaft nicht genug loben konnten, hat der Teamchef einige Dinge gesehen, die man gegen die Südamerikanerinnen noch besser machen könne. "Wir müssen die 1:1-Situationen noch besser lösen, aggressiv in der Deckung sein und die Argentinierinnen richtig angehen. Wenn das gelingt, haben wir eine sehr, sehr gute Chance", sagt er. Das Fehlen der vier Spielerinnen treffe das Team "sehr, sehr hart", das dürfe aber keine Ausrede sein. "Dass das nicht vor Leistung schützt, haben wir ja gesehen", meint Müller und verweist auf die Chance, die Österreichs bei Weltmeisterschaften lange durch Abwesenheit glänzende Damen-Equipe habe. "Mit einem Sieg bist du nicht nur durch, du nimmst auch Punkte in die Hauptrunde mit. Das wäre der pure Wahnsinn", sagt er.

Allerdings könnten sich bald auch die körperlichen Strapazen - gerade gegen die robusten Argentinierinnen - bemerkbar machen. Aufgrund des Fehlens der vier Leistungsträgerinnen hatten andere schon im ersten Spiel wesentlich mehr Einsatzminuten als normal. In Nora Leitner wurde bisher erst eine Spielerin nachnominiert, weitere Entscheidungen könnten nach dem Argentinien-Match getroffen werden. Sollten Nach-Tests bei den derzeit in Quarantäne befindlichen Akteurinnen negativ sein, würde man mit dem Weltverband Kontakt aufnehmen, ob ein Freitesten - wie es in Österreich möglich, in Spanien aber bis zu zehn Tagen nicht vorgesehen ist - möglich ist. Vorerst gilt die gesamte Aufmerksamkeit aber ohnehin dem Spiel am Samstag. "Wir müssen mutig sein und Spaß haben", sagt Helfried Müller. "Ob Favorit oder nicht, ist egal - wir spielen auf Sieg."(art)