Einladend sieht sie nicht aus - die arabische Wüste rund um der Hafenstadt Dschidda am Roten Meer. Aber so eintönig Sand und Fels auch wirken, so bedeutet das nicht, dass es nicht möglich wäre, hier einmal etwas Spannendes zu erleben. Die beste Bestätigung bot nun die Formel 1, die am Wochenende ihre Premiere im saudischen Königreich gefeiert hat und die gesamte Motorsport- und Medienwelt überraschte. "Es war das verrückteste Rennen aller Zeiten", befand etwa das Nachrichtenmagazin "Focus". Von "Rowdy Arabia" und "Wilder Formel Westen" schrieben wiederum die "Sun" und der "Corriere dello Sport". Und die "Süddeutsche" titelte kreativ: "Der Wahnsinn tanzt in Dschidda."

Tatsächlich hätten sich die Macher der Königsklasse keinen besseren Einstand in der Wüste wünschen können. Nach dem Triumph von Lewis Hamilton beim Großen Preis von Saudi-Arabien bekommt nun die Königsklasse des Motorsports ihr großes Finale. Der Mercedes-Star und Red-Bull-Pilot Max Verstappen gehen punktegleich ins letzte Saisonrennen am Sonntag (14 Uhr MEZ/ORF 1 und Sky) in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Und es ist nicht auszuschließen, dass es dort noch einmal kracht.

Immerhin lieferten sich Hamilton und Verstappen einanderin diesem "WM-Krieg" ("Bild") schon in Dschidda einige Ausnahmemanöver - vor allem in puncto Kompromisslosigkeit. Verstappen etwa erhielt eine Fünf-Sekunden-Strafe und nachträglich zehn Sekunden für eine Aktion, die Hamilton erst richtig aufregte. "Er ist über dem Limit", meinte der 36-jährige Engländer. "Ich habe so viele Kollisionen mit ihm vermieden." Einige Fahrer an der Spitze würden entweder nicht an die Regeln denken - oder denken, dass diese für sie nicht gelten.

"Es wird nicht eskalieren"

Was war da passiert? In besagter Szene krachte Hamilton Verstappen ins Heck. Der Red-Bull-Mann hatte zuvor unerlaubt die Strecke verlassen und sollte den Briten auf Anweisung seines Teams wieder vorbeilassen, um einer Strafe zu entgehen. Verstappen verlangsamte daraufhin ruckartig, Hamilton fuhr ihm bei dessen "Bremstest" ins Auto. Mit beschädigtem Frontflügel schaffte es Hamilton am Ende dennoch vor seinem Widersacher über die Ziellinie. Ganz anders beschrieb wiederum Verstappen die Szene: "Ich wollte ihn vorbeilassen, also bin ich auf die rechte Seite, aber er wollte nicht überholen und dann haben wir uns berührt."

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff warf daraufhin wutentbrannt sein Headset zu Boden. Einen Crash am Sonntag in Abu Dhabi befürchtet der Wiener aber nicht - auch wenn Verstappen bei einem Doppelausfall mit 24 Jahren aufgrund der höheren Anzahl an errungenen Saisonsiegen Weltmeister wäre. "Ich glaube, es wird nicht eskalieren", sagte Wolff in Dschidda. "Das waren heute derart viele Warnschüsse für alle Beteiligten, dass es sauber abgehen wird und muss." Es könne sich niemand leisten, mit einem Ergebnis dazustehen, das nicht auf der Strecke ausgefahren worden sei, fügte er hinzu. "Wir wollen eine saubere Weltmeisterschaft, möge der beste Mann gewinnen. Wenn es am Ende Max ist, habe ich damit kein Problem. Aber es muss einfach ein faires Rennen sein."

Erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte geht die Formel 1 damit mit zwei nach Punkten gleichauf liegenden Titelanwärtern ins WM-Finale. Bisher war das nur 1974 der Fall, als sich der Brasilianer Emerson Fittipaldi gegen den Schweizer Clay Regazzoni durchsetzte. Dass die WM erst im letzten Rennen entschieden wird, war bisher immerhin 30 Mal - zuletzt 2016 - der Fall. Ob Hamilton oder Verstappen Weltmeister wird, entscheidet sich damit in Abu Dhabi. Der Yas-Marina-Circuit liegt zwar auf einer Insel, nur sehr viel wirtlicher als in Dschidda sieht es da auch nicht aus. Allerdings täuscht auch hier die Eintönigkeit. Zumindest am kommenden Sonntag ist für Spannung gesorgt.(rel/apa)