Nach dem Grand Prix ist vor der Schwimm-WM. Oder dem Tennis-Exhibition-Turnier. Im Emirat Abu Dhabi am persischen Golf vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine große, meistens mit Top-Stars gespickte Sportveranstaltung eröffnet oder geschlossen wird. Kaum haben Max Verstappen, Lewis Hamilton und Co. die Metropole über den Privatjet-Flugplatz Al Bateen verlassen, kommt in diesen Tagen die globale Schwimm- und Tennis-Elite - darunter etwa Europameister Florian Wellbrock und Tennis-Star Rafael Nadal - eingeflogen, um bei der am Donnerstag startenden Kurzbahn-WM beziehungsweise Mabudala World Tennis Championship zu reüssieren. Auch Österreich ist mit zwölf Schwimmern vertreten. Dominic Thiem musste seine Teilnahme am Tennis-Turnier indessen absagen.

Nun ist die geballte Star-Dichte hier gewiss kein Zufall. Seit Abu Dhabi vor rund 15 Jahren begonnen hat, die verwaisten Mangroveninseln im Umkreis des historischen Kerns für eines der größten Stadterweiterungsprojekte, das die Welt je gesehen hat, zu gewinnen, blieb kein Stein auf dem anderen. Neben Hotels, Einkaufstempeln, Business- und Wohntürmen wurden auch eine Reihe von Stadien und Sportstätten aus dem Wüstenboden gestampft, darunter etwa das Al-Jazira-Mohammed-bin-Zayed-Fußballstadion (42.000 Plätze), die multifunktionale Etihad-Arena (18.000), der Abu Dhabi Equestrian Club (5.000), das Abu Dhabi International Tennis Center (5.000) oder der Abu Dhabi Ice Rink (1.200). Nicht zu vergessen einige Golfplätze und die Skihalle "Snoworld". Darüber hinaus wartet die "Sportinsel" Hudayriyat mit 23 Sportplätzen, einer Leichtathletik-Laufbahn, einer Joggingstrecke sowie mehreren Fitness-Stationen auf.

Für die Orchestrierung der Bauten und deren Bespielung mit Events verantwortlich ist seit 2006 der Abu Dhabi Sports Council, ein von Mitgliedern des Herrscherhauses, Businessleuten, Politikern und hohen Beamten besetztes Organisationskomitee. Der Auftrag dieses Rats besteht laut Website darin, "die Bedeutung des Sporttreibens und der Sportprogramme für alle Segmente der Gesellschaft zu erhöhen und für Implementierung der besten und neuesten internationalen Systeme zu sorgen, um den Wettbewerb auf örtlicher, regionaler und internationaler Ebene zu fördern". Von Interesse ist, dass die nicht unwichtigen Presseagenden des Councils von einer Beamtin des Medienministeriums, Omniyat Mohammed Al Hajri, geleitet werden. Um die Turniere und Rennen in bestes (PR-)Bild zu rücken, bedient sich das Emirat einer Vielzahl von Fernsehsendern, allen voran des bereits 1998 gegründeten Sportkanals ADSC.

Zwischen Tourismus und Politik

Angesichts der Millionen, die das Emirat in Sportevents und -infrastruktur steckt, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Interessen, die damit verfolgt werden. Weder gelten die Emirati als sonderlich sportbegeisterte Nation, noch schreibt der Islam den Gläubigen eine über Gebühr gepflegte Sportlichkeit vor. So existieren im Koran keine Suren, die sich auf den Freizeit- oder Leistungssport im heutigen Sinne beziehen. Was aber deutlich gesagt wird, ist etwa, dass der eigene Körper eine Leihgabe Allahs sei und daher für jeden die religiöse Pflicht gelte, auf diese Leihgabe Acht zu geben.

Wenn es also ein Motiv für das teure und Ressourcen kostende Sportprogramm des Emirats gibt, so ist dieses wohl im Tourismus zu suchen. Durch das Anlocken von Gewinnertypen wie Verstappen oder Nadal sollen nicht nur - neben den Kassen - die Stadien und Couches mit Fans gefüllt, sondern vor allem das Image Abu Dhabis als eine Art Sport-Disneyland für alles aufpoliert werden. Darüber hinaus wird das Emirat während der milden Wintermonate als Trainingsdestination beworben, was unter anderem die europäischen Fußballklubs, welche die Rasenheizung schon satthaben, zu schätzen wissen. Im Gegenzug weiß man in Abu Dhabi zu schätzen, dass kaum unangenehme Fragen zu politischen Themen gestellt werden. Dabei gelten die Vereinigten Emirate in Sachen Menschenrechte als alles andere als ein Musterland. So hat etwa das deutsche Außenministerium erst im Mai dieses Jahres in einer parlamentarischen Anfragebeantwortung festgehalten, dass die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Arbeitnehmerrechte in den Emiraten nicht garantiert seien. Darüber hinaus beobachte man das Festhalten an der Todesstrafe sowie die Verfolgung von Homosexuellen mit Sorge. Allein in Abu Dhabi scheint das kaum jemanden zu interessieren. Nach dem Grand Prix ist vor der Schwimm-WM. Viel Zeit zum Fragenstellen bleibt da offenbar nicht.