Es war das letzte Großereignis, bevor die Corona-Pandemie alles über den Haufen warf, das erste in der Ägide von Teamchef Ales Pajovic - und gleichzeitig das beste Abschneiden einer österreichischen Herren-Handball-Mannschaft in der jüngeren Geschichte. Vor zwei Jahren errang die ÖHB-Truppe bei der Heim-Europameisterschaft den achten Rang. Nachdem die WM 2021 auch aufgrund der Umstände mit Platz 26 weniger zufriedenstellend abgelaufen war, ist bei der EM, bei der die Mannschaft ab Freitag vorerst in Gruppe D in Bratislava auf Polen, Deutschland und Belarus trifft, nun Wiedergutmachung angesagt. Die Hauptrunde ist das erste Ziel, die Messlatte hoch - und der Unsicherheitsfaktor Corona freilich ständiger Begleiter.

Zahlreiche Teams vermeldeten im Vorfeld positive Fälle, Österreichs abgeschottete Equipe blieb bisher verschont. Wie schnell sich das aber ändern kann, dafür haben die Damen erst vor wenigen Wochen ein warnendes Beispiel gegeben. Vor der WM mussten zahlreiche Akteurinnen wegen positiver Tests in Quarantäne, unter diesen Umständen war der 16. Platz aller Ehren wert.

Nun ging man auf Nummer sicher, alle Testspiele im Vorfeld des Turniers wurden abgesagt. Dennoch blickt Teamchef Pajovic optimistisch nach vorne - auch weil man erstmals seit langem personell aus dem Vollen schöpfen kann. "Das große Ziel ist der Aufstieg", sagt Pajovic.

Zumindest Platz zwei ist für das Weiterkommen nötig. "Es ist eine sehr schwere Gruppe", befindet Pajovic vor den Treffen mit Gruppenfavorit Deutschland sowie zwei Mannschaften, mit denen man auf Augenhöhe sein sollte. Deutschlands Coach Alfred Gislason will von der Favoritenrolle nichts wissen und spricht stattdessen gar von einer "Todesgruppe", in der "jeder jeden schlagen kann".

"Er hat das lieb formuliert", winkt Pajovic freilich ab. Für ihn gehört der mehrfache Welt- und Europameister trotz eines personellen Umbruchs und unerfahrenen Akteuren zum klaren Anwärter auf Platz eins. "Die Jungen wollen zeigen, was sie können, die spielen richtig super", merkt er unter anderem im Hinblick auf den 35:34-Testsieg der DHB-Auswahl gegen Frankreich am Sonntag an. Aber: "Im Handball ist immer alles möglich."

Gerade der Umstand, dass erstmals seit langem die besten heimischen Akteure allesamt zur Verfügung stehen, lässt ihn optimistisch ins Turnier gehen. Allen voran ist Aushängeschild Nikola Bilyk wieder mit dabei, er wurde nach seinem Kreuzbandriss bei der verkorksten WM 2021 schmerzlich vermisst. Auch Rückraum-Bomber Janko Bozovic, Kreisläufer Fabian Posch und der kurz vor der EM 2020 verletzte Alexander Hermann sind im Vergleich zu 2021 mit an Bord. Dazu kommt der 39-jährige eingebürgerte Hard-Goalie Golub Doknic, der seine geballte Routine in den Dienst der Abwehr stellen soll. "Wir haben bei der WM gesehen, wie schwer es ist, wenn die Torleute nicht auf Niveau sind", sagt Pajovic.

An Varianten dazugewonnen

Generell ist es die Defensive, die ihm das meiste Kopfzerbrechen bereitet. "Da gewinnen wir Spiele", erklärt der Slowene, der dank des breiteren Kaders aber auch hier Licht sieht. "Mit Niko (Bilyk) und Alex (Hermann) haben wir physisch starke Abwehrspieler, das bringt viel Wert. Und wir haben viele Varianten mit unseren drei Kreisläufern", meint der ehemalige Weltklasse-Akteur, der hofft, dass seine Truppe sowohl die 6:0- als auch 5:1-Deckungsvariante im Turnier auf den Punkt bringt. An Erfahrung hat der Kader jedenfalls hinzugewonnen. Der 21-jährige Rückraummann Lukas Hutecek etwa zeigt seit dieser Saison für Lemgo in der deutschen Liga auf. "Er hat das super gemacht. Aber ich erwarte auch Zukunft noch viel mehr von ihm und sehe ihn in einem Top-Fünf-Team in Deutschland", erklärt Pajovic, der für Hutecek vor allem die Spielmacherposition in der Mitte vorgesehen hat. Um den Titel wird Österreich aber selbst wenn es gelingt, sich gleich gegen Polen "in einen Rausch zu spielen" (Bilyk), nicht kämpfen. Darauf dürfen andere hoffen. Für Pajovic und Bilyk ist Weltmeister Dänemark an erster Stelle zu setzen, daneben sind Olympiasieger Frankreich und Europameister Spanien zu nennen. Aber auch Norwegen, Schweden und Kroatien zählen traditionell zu den Medaillenanwärtern.

Ein Hauptakteur des Kontinentalturniers wird in jedem Fall Corona sein. Das zeigte sich zuletzt in positiven Fällen unter anderem bei Frankreich und Kroatien, aber auch Belarus. Sichtbar wird die Pandemie auch auf den Rängen sein. An den Spielorten in der Slowakei darf die Kapazität nur zu 25 Prozent ausgereizt werden, in der "Österreich-Halle" finden konkret 2.500 Fans Platz. Ungarn hingegen verzichtet völlig auf Beschränkungen.(art/apa)