Handball ist halt doch ein bisserl anders, und die Zeit sowieso. Während der Mythos von der Turniermannschaft, die sich irgendwie dann doch immer steigern, in einen Rausch und dann noch zum großen Triumph spielen kann, im Fußball angesichts des blamablen Ausscheidens in der Vorrunde bei der WM 2018 sowie im Achtelfinale bei der Europameisterschaft im Vorjahr mittlerweile entzaubert ist, hat es ihn im Handball nie wirklich gegeben.

Trotzdem haben es die Deutschen bisher zu drei WM-, zwei EM-Titeln (zuletzt 2016) und anderen Erfolgen gebracht. Diesmal ist die Erwartungshaltung im Lager des nächsten Gegners des österreichischen Herren-Nationalteams bei der EM in der Slowakei und in Ungarn (Sonntag, 18 Uhr, ORF 1) kleiner angesetzt. "Normalerweise ist Handball ein Ergebnissport, aber ich denke, die Mannschaft kann das Turnier ganz ohne Druck bestreiten", sagt Bob Hanning, der langjährige Vizepräsident des deutschen Verbandes DHB, der vor den Olympischen Spielen in Tokio im vergangenen Sommer noch die Goldmedaille als Ziel ausgegeben hatte.

Das erste Spiel bei dieser EM haben die Deutschen zumindest gewonnen, auch wenn das 33:29 gegen Belarus mühevoll war. Österreich steht indessen nach einem 31:36 gegen Polen schon mit dem Rücken zur Wand, zudem fällt Lukas Hutecek wegen einer im Auftaktmatch erlittenen Knöchelverletzung für den Rest des Turniers - und darüberhinaus - aus.

Für viele ist eine WM Neuland

Für die Deutschen ist es bei Olympia ein Viertelfinal-Aus gegen Ägypten geworden, was immerhin eine Steigerung gegenüber der WM im vergangenen Jänner, als das Team des isländischen Trainers Alfred Gislason mit Rang zwölf das schlechteste Abschneiden beim Weltturnier aller Zeiten nach Hause brachte, bedeutete. Doch seitdem ist wieder einiges passiert im deutschen Team. Etliche Stützen wie der langjährige Kapitän Uwe Gensheimer, Abwehrchef Hendrik Pekeler sowie Steffen Weinhold sind zurückgetreten, zudem muss Gislason aus unterschiedlichen Gründen bei der EM auf drei Rückraumspieler, die normalerweise fix im Kader gestanden wären, verzichten.

Die Folge: Für neun seiner aktuellen Spieler ist ein Großereignis wie dieses völliges Neuland, sieben von ihnen haben es in ihrer Karriere erst auf eine einstellige Anzahl an Länderspielen gebracht.

Neue deutsche Welle zeigte bereits groß auf

Einfacher macht das die Sache für Österreichs Teamchef Ales Pajovic sowie seine Mannen nur bedingt. Die neue deutsche Welle schwappte im einzigen Testspiel vor der WM überraschend über Frankreich, das ebenfalls einen Umbruch hinter sich hat, diesmal aber wieder zu den absoluten Medaillenkandidaten zählt, hinweg und gewann, wenn auch denkbar knapp mit einem Tor Unterschied, dennoch mit 35:34.

Im Vorfeld des Turniers zeigte sich Pajovic, dessen Mannschaft in der Qualifikationsgruppe hinter den Deutschen Platz zwei belegt hatte, durchaus von der Leistung des gegnerischen Teams beeindruckt. "Die Jungen wollen zeigen, was sie können, die spielen wirklich super", sagt der ÖHB-Trainer. Sein Pendant an der deutschen Seitenlinie wiederum meint: "Wir haben wirklich spannende Leute dabei. Trotzdem kann man natürlich nicht von einer eingespielten Mannschaft sprechen. Niemand weiß genau, wo wir stehen."

Das kann freilich auch ein Vorteil für die Deutschen sein. In den meisten Expertenrankings zählen sie diesmal nicht zum engsten Kreis der Medaillenkandidaten, auch wenn die österreichischen Akteure sie allen Umständen zum Trotz als klaren Gruppenfavoriten sehen und Pajovic die Bemerkung Gislasons, es handle sich um eine "Todesgruppe, in der jeder jeden schlagen kann", süffisant als "lieb gesagt" bezeichnet. Überraschen kann diese junge deutsche Mannschaft aber immer. Schließlich ist sie auch für die Gegner nur schwer einzuschätzen.

Oder anders gesagt, wie Pajovic meint: "Im Handball ist immer alles möglich." Schließlich ist dies halt dann doch ein anderer Sport als jener, in dem 22 Männer einem Ball nachrennen und am Ende (angeblich) immer die Deutschen gewinnen.