Sie waren einst das "Happy Slam". Die Tenniswelt freute sich nach einem (kurzen) Winter und finanziell lukrativen, aber an Tradition armen Showturnieren stets auf die Australian Open; denen nichts und niemand etwas anzuhaben scheinen konnte: nicht die finanziellen Probleme, unter denen das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres lange litt, nicht die Kontroverse um die sehr schlecht bis gar nicht verborgene Homophobie der australischen Ikone Margaret Court, nicht die hohen Temperaturen, die die besten Spieler mit schöner Regelmäßigkeit in die Knie zwangen. Doch nun werden wieder hitzige Debatten abseits des Courts geführt - und sie sind geeignet, das Image des lange Zeit besucherstärksten Majors der Welt nachhaltig zu beschädigen.

Da war zunächst einmal die Causa Novak Djokovic, in der weder der Impfgegner (und mutmaßliche Betrüger bei der Einreise) noch die australischen Behörden und die Veranstalter des Tennisturniers - wie gern hätten sie den Weltranglistenersten teilnehmen und vielleicht den Grand-Slam-Rekord knacken lassen - eine gute Figur machten. Nun, da diese Wogen vorerst geglättet sind, türmen sich vor der südostaustralischen Küste schon die nächsten auf.

Denn auch in der Causa der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai haben sich die Organisatoren auf dünnes Eis begeben. Zuerst hatten sie T-Shirts mit der Aufschrift "Wo ist Peng Shuai?" mit dem Verweis auf das Verbot "politischer Botschaften" verboten, nun machten sie einen Rückzieher. Solidaritätsbekundungen mit der ehemaligen Weltranglistenersten im Doppel seien selbstverständlich gestattet, heißt es von den Organisatoren. Es sei aber niemand auf der Tennisanlage willkommen, der die Absicht habe, "die Sicherheit der Fans zu stören". Banner sollen verboten bleiben, wie die australische Zeitung "The Age" berichtete. Peng hatte Anfang November im sozialen Netzwerk Weibo Vorwürfe wegen eines sexuellen Übergriffs durch einen chinesischen Spitzenpolitiker veröffentlicht. Der Post wurde bald danach gelöscht, sie selbst trat später in von staatlichen Stellen veröffentlichten Videos auf, in denen sie von einem Missverständnis sprach und versicherte, es gehe ihr gut.

Glaubhaft war das für viele nicht, die Damen-Profi-Organisation WTA hatte reagiert und wichtige Turniere in China ausgesetzt. Die WTA werde "damit allein gelassen", wenn die Australian Open sich nicht solidarisch erklären würden, hatte daraufhin unter anderem die frühere Tennis-Ikone Martina Navratilova erklärt - ehe die Veranstalter nun einen Rückzieher machten.

Hoffen auf Barty

Optimismus bereitet da nur der Blick auf das sportliche Geschehen. In Rafael Nadal ist noch immer ein Spieler im Rennen, der anstelle Djokovics den Rekord von 21 Major-Titeln brechen könnte - was man von ihm angesichts seiner langen Verletzungspause nicht unbedingt erwartet hatte, die Geschichte aber nicht weniger besonders machen würde -, und durch Ashleigh Barty lebt sogar die Chance auf einen australischen Sieg. Nadal schaffte es mit einem wahren Kraftakt trotz Magenproblemen in 4:08 Stunden mit 6:3, 6:4, 4:6, 3:6, 6:3 über Denis Shapovalov ins Halbfinale, in dem er auf den Sieger der Partie Matteo Berrettini gegen Gael Monfils trifft; Barty bezwang Jessica Pegula mit 6:2, 6:0 und bekommt es nun mit Madison Keys zu tun.

Die Lokalmatadorin hat in fünf Matches nur 17 Games abgegeben und ist damit die Topfavoritin auf den Sieg im Damen-Einzel. Die Chance, dass sich Barty am Samstag zur ersten Heim-Siegerin beim ersten Tennis-Slam des Jahres seit Chris O’Neil (1978) kürt, ist jedenfalls sehr groß. Und dann wären beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres doch wieder ziemlich viele ziemlich happy.