Diese Bilder würden Thomas Bach und Gianni Infantino jetzt wohl am liebsten aus allen Archiven tilgen. Die innigen Umarmungen mit Wladimir Putin, die opulenten Sektempfänge, die Ordensverleihungen, der Plausch mit dem Kremlchef im Straßencafé. Die vertraulichen Bande zu Putin sind durch Russlands Krieg in der Ukraine zur schweren Last für IOC-Chef Bach und Fifa-Präsident Infantino geworden.

Dass sich das Internationale Olympische Komitee und der Fußball-Weltverband nun ziemlich mühsam zu spürbaren Sanktionen durchrangen, sahen Kritiker als Beleg für den anhaltenden Einfluss Russlands auf den höchsten Ebenen der Sportwelt. Seit vielen Jahren begreift der Kreml den Sport als Teil seiner Außenpolitik, besetzte internationale Spitzenposten mit Putin-Getreuen, schaffte Abhängigkeiten durch hoch dotierte Sponsorenverträge und holte serienweise Top-Wettbewerbe ins Land. Russland habe es "geschafft, mit sehr viel Geld, mit sehr viel Korruption, mit Einfluss in den Sportverbänden immer wieder sich in Szene zu setzen und das natürlich auch innenpolitisch genutzt", sagte die deutsche Grünen-Politikerin Viola von Cramon dem Deutschlandfunk.

Viele Sportverbände bereiteten Putins Russland in den vergangenen Jahren die große Bühne. Die Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, die Fußball-WM 2018 und die EM-Partien in St. Petersburg 2021 oder die Formel-1-Auftritte in Sotschi sind dabei nur einige unter vielen Beispielen. Um die Welt gingen Bilder eines modernen und vermeintlich offenen Landes. Während Menschenrechtler die Einschränkungen der Meinungsfreiheit und Verhaftungen von Oppositionellen anprangerten, schwärmte Fifa-Boss Infantino, die Welt habe sich bei der WM 2018 in Russland verliebt. Ein Jahr später verlieh Putin dem Schweizer einen Freundschaftsorden. Der Frage, ob er diese Medaille nun zurückschicken werde, wich Infantino zuletzt aus. Putin indes soll wegen des Angriffs auf die Ukraine so manche Ehrung zurückgeben. Das IOC erkannte ihm den olympischen Orden in Gold ab, der Internationale Judoverband entzog ihm die Ehrenpräsidentschaft, der Taekwondo-Weltverband forderte den ehrenhalber verliehenen schwarzen Gürtel zurück.

Zentrale Rolle Gazproms

Ob Putin das zur Umkehr in der Ukraine bewegt? "Der Sport hat seinen Zweck hier erfüllt. Was auch immer er von jetzt an unternimmt, wirklich sicher ist nur, dass Wladimir Putin nicht zuhören wird", schrieb es der britische "Guardian". Auf den jüngsten Sanktionslisten tauchen auch die Namen einiger Funktionäre auf, die Russland zuletzt Macht und Einfluss im Weltsport sichern sollten. Die EU fror das Vermögen des Oligarchen Alischer Usmanow ein, der seit 2009 den Fecht-Weltverband führt und mit Millionensummen alimentiert. Auch Dmitri Tschernyschenko, 2014 bei den Sotschi-Spielen Organisationschef, wurde von der EU als Unterstützer des Angriffs auf die Ukraine sanktioniert.

Als Putin-nah gelten auch Wladimir Lissin, Chef des Internationalen Schießsport-Verbands, und Umar Kremlew, der den Weltverband der Amateurboxer führt. Kremlew war einst Mitglied des nationalistischen Motorrad-Rockerklubs Nachtwölfe. Seinen Aufstieg an die AIBA-Spitze ermöglichte eine kräftige Finanzspritze von Gazprom, mit der die Schulden des Verbands getilgt wurden.

Der staatliche Energieriese spielte für Russland eine zentrale Rolle im sportlichen Machtpoker. Mindestens 40 Millionen Euro soll Gazprom Schätzungen zufolge jährlich an die europäische Fußball-Union Uefa überwiesen haben, Vorstandschef Alexander Djukow ist auch Mitglied der Uefa-Spitze. Unter dem Druck der Öffentlichkeit sagte sich nun die Uefa vom Geldgeber Gazprom los.

Als Türöffner für russische Interessen aber hatten die strategisch platzierten Verbandsfürsten und Sponsoren wie Gazprom, Aeroflot (Manchester United) und Uralkali (Formel-1-Team Haas) schon über Jahre hinweg ihre Dienste geleistet. Dass Russlands Sportler trotz des Mega-Skandals um Staatsdoping und manipulierte Labordaten nicht aus der olympischen Welt ausgeschlossen wurden, schreibt mancher Experte auch dem Einfluss Putins und seiner Helfer zu. Dass Putin kurz vor den Paralympics in Peking bereits zum dritten Mal den olympischen Frieden brach, zwang auch das IOC auf den Plan. 2008 war es kurz vor der Eröffnung der Sommerspiele in Peking zum Krieg zwischen Georgien und Russland um die Südkaukasusregion Südossetien gekommen. 2014 hatte sich Russland in den letzten Tagen der Winterspiele von Sotschi die ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim einverleibt. Nach dem erneuten Angriff auf die Ukraine ließ das IOC mitteilen, Bach bekräftige seinen Ruf nach Frieden. Kurz darauf rief der Ringe-Zirkel zur Absage aller internationalen Wettbewerbe in Russland und Belarus auf. Schließlich beugte sich das IOC dem wachsenden Druck und forderte, alle Sportlerinnen und Sportler der beiden Länder vorerst auszuschließen. Eine Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees und damit auch einen Stopp von Zahlungen aus den IOC-Töpfen jedoch enthielt auch der jüngste Beschluss nicht.

Noch zu Beginn der Winterspiele in Peking Anfang Februar, als der Ukraine-Konflikt schon zu eskalieren drohte, saß Putin auf der olympischen Ehrentribüne. Nach den aktuellen Ereignissen müsse sich der Sport "spätestens jetzt hinterfragen, wie er mit Herrschern von Autokratien umgeht", sagte Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds.