Die alte Weisheit: Streiten sich zwei, gewinnt der Dritte. Am Sonntag war dieser Dritte der Niederländer Dylan van Baarle, der als Erster nach 254,5 Kilometer in Roubaix ankam und etwas überraschend die als "Hölle des Nordens" durchaus zurecht titulierte Fernfahrt von Paris gewann. Der Belgier Wout van Aert als Zweiter und der Niederländer Mathieu van der Poel als Neunter landeten wieder weit vorne im Klassement, aber eben nicht ganz vorne. Es scheint, kaum fahren sie gegeneinander, können die beiden ewigen Rivalen nicht gewinnen.

Der Frühjahres-Höhepunkt in Roubaix war das neunte größere Eintagesrennen in dieser Saison, nur die Strade Bianche in Italien ließen beide aus. Sonst bestritten entweder beide oder zumindest einer von ihnen das Rennen. Und die Bilanz ist herausragend, aber nur teilweise. Von den sechs Rennen, die nur einer der zwei bestritt, siegte zweimal Van Aert und zweimal Van der Poel. Kaum fahren sie beide, gewinnt ein anderer. Das war auch bei Paris-Roubaix nicht anders. Freilich, das kann auch nur eine Koinzidenz sein. Die beiden fahren seit Jugendtagen gegeneinander, vor allem im Querfeldein-Radsport haben sie die Szene über Jahre dominiert, einmal gewann Van Aert, dann wieder Van der Poel, und in der Regel war der Bezwungene auf Platz zwei zu finden. Die Konkurrenz auf der Straße ist ungleich härter.

Chaotischer Rennverlauf

Im konkreten Fall von Paris-Roubaix war der zweite Rang von Van Aert insofern nicht erwartet worden, da er gerade von einer Covid-Erkrankung genesen ist, wegen der er bereits die Flandern-Rundfahrt auslassen musste (die Van der Poel gewann). Zusätzlich hatte Van Aert auch Pech mit Pannen auf dem Weg nach Roubaix. Das Kopfsteinpflaster sorgt jedes Jahr für eine Vielzahl an Defekten und auch Stürzen, bei der diesjährigen Auflage erwischte es auch immer wieder führende Fahrer. Mehrmals wurde der Rennverlauf dadurch umgeworfen.

Van Aert war daher nicht zu Unrecht "glücklich und stolz" mit dem zweiten Rang, er hatte sich im Sprint der Verfolger durchgesetzt, Van Baarle war ihnen zuvor enteilt. Bei Van der Poel lief es nicht ganz ideal nach seinem zweiten Rang im Vorjahr. "Ein Hängen und Würgen", nannte der Niederländer sein Rennen. "Ich hatte nicht mehr in den Beinen", sagte der Sieger der Flandern-Rundfahrt, der die Attacke seines Landsmanns und später auch jene von Van Aert nicht parieren konnte.

Diese Woche bildet nun den Abschluss der Frühjahres-Klassiker, am Mittwoch der "Flache Wallone", am Sonntag dann Lüttich-Bastone-Lüttich. Nach den bisherigen Strapazen – Van Aerts Erkrankung und Rückenprobleme bei Van der Poel - lassen beide den Mittwoch aus, Van Aert versucht sich nach heutigem Stand aber erstmals bei Lüttich-Bastone-Lüttich, einem Eintages-Rennen, mit vielen harten Anstiegen. Van der Poel lässt es bleiben und steigt erst wieder beim Giro d'Italia ein, den Van Aert nicht bestreitet. Das nächste direkte Duell dürfte es erst wieder bei der Tour de France geben. Dort geht es für sie allerdings nicht um den Gesamtsieg, der im Zeichen eines anderen Duells steht: Tadej Pogacar gegen Primoz Roglic  (sir)