Eigentlich hatte er Revanche für den "geraubten" WM-Titel im vergangenen Jahr gelobt und vorgehabt, nach 103 Siegen und ebenso vielen Poles auch nach Titeln alleiniger Rekordweltmeister der Formel 1 zu werden. Stattdessen wird Lewis Hamilton von Red Bull überrundet und verhöhnt, außerdem geschlagen vom eigenen neuen Teamkollegen und vor die schwierigste Bewährungsprobe seiner bisher so glorreichen Zeit bei Mercedes gestellt.

"Ich bin sicher draußen aus der WM", klagte Hamilton nach Platz 13 in Imola, Stimmung und Stimme gedämpft. Ganz sicher? Teamchef Toto Wolff jedenfalls will sich vom WM-Gedanken nicht verabschieden: "Was ich an dem Sport liebe, ist, dass er nicht immer der Mathematik folgt." Und auch Hamiltons Stallrivale George Russell, der es beim Großen Preis der Emilia-Romagna immerhin bis auf Platz vier schaffte, ist überzeugt: "Lewis wird unglaublich stark zurückkommen. Daran habe ich keine Zweifel." 2008 etwa feierte er überraschend seinen ersten WM-Titel, mit ein bisschen mehr Cleverness und Erfahrung hätte es wohl schon früher geklappt.

Seine erste wahre Entfaltung erlebten er und die Formel-1-Welt aber erst nach dem Wechsel von McLaren zu Mercedes zur Saison 2012. Hamilton wurde nicht nur dort nominell zum Nachfolger des siebenfachen Champions Michael Schumacher. 2014 und 2015 gewann Hamilton erneut die WM, 2016 wurde er in einem Stallduell von Nico Rosberg geschlagen. Aus seinen Nachlässigkeiten von damals zog Hamilton einige Lehren. Seine Abneigung für Testfahrten legte er ab. Immer getreu seinem Motto: "Still I rise" - zu Deutsch: Ich wachse weiter.

Und das tat er. Hamilton legte mit den Titeln 2017, 2018, 2019 und 2020 nach. Und er hätte auch 2021 triumphiert, wenn nicht der damalige Rennleiter Michael Masi mit seinen Entscheidungen im Finale von Abu Dhabi Max Verstappen (Red Bull) in der letzten Runde nicht noch eine finale Überholchance ermöglicht hätte. "Vielleicht hätte er letztes Jahr aufhören sollen", sprach Red Bulls Motorsportchef Helmut Marko nach dem Imola-Doppeltriumph seiner Schützlinge Verstappen und Sergio Perez grinsend in die Kamera.

Desaster für Ferrari

Im Lager von Mercedes kommt das freilich nicht gut an. Den Tiefschlag durch das WM-Finale hatte Hamilton über mehrere Wochen völlig zurückgezogen verarbeitet. Andererseits dürfte die Stichelei des so lange gegen Mercedes unterlegenen Rivalen Red Bull Hamilton nicht umwerfen. Das Problem ist vielmehr: Hamilton ist weder der Krisenauslöser noch der Krisenlöser. Er müsse ihn diesbezüglich in Schutz nehmen, sagte Teamchef Wolff. Es sei nicht sein Tief, sondern das des Autos. Tatsächlich bereitet Mercedes das Hüpfen des Wagens, in dessen Folge das Set-up nicht optimal ist und dadurch dessen Leistungspotenzial ungenutzt bleibt, noch etwas Sorgen. "Wenn wir es schaffen, dass Auto einigermaßen gerade auf die Bahn zu stellen, fahren wir vorne mit", sagte Wolff.

Zu einem Desaster geriet hingegen der Auftritt des Lokalmatadors Ferrari. WM-Leader Charles Leclerc verursachte einen Dreher und belegte nur Rang sechs. Sein Teamkollege Carlos Sainz schied nach Kollision mit Daniel Ricciardo (McLaren) aus.(apa/rel)