Grand-Slam-Turniere mögen die prestigeträchtigsten im Tennis sein, politisch sakrosankt sind sie deswegen nicht. Das musste schon Novak Djokovic zu Jahresbeginn bei den Australian Open feststellen, als er von der Regierung in Canberra wegen Ignorierens der geltenden Covid-Regeln hochkant aus dem Land geworfen worden war. Nicht viel anders ist es nun im Fall jener russischen und belarussischen Profis, die wegen des Angriffkrieges ihrer Heimatländer gegen die Ukraine von den kommenden Wimbledon Championships im Sommer in London ausgeschlossen worden sind. Und zwar von der britischen Regierung wohlgemerkt.

Auf Basis dieser Entscheidung haben daher auch die Organisatoren des Rasen-Klassikers die politisch vorgegebene Ausladung von Tennisspielern aus Russland und Belarus erneut verteidigt. Es habe aufgrund der Vorgaben der britischen Regierung "keine realisierbare Alternative" gegeben, betonte Ian Hewitt, der Vorsitzende des All England Lawn Tennis Clubs, am Dienstag. Falls man Spielern aus Russland und Belarus trotz einer Erklärung gegen den Krieg in der Ukraine die Teilnahme gestattet hätte, sagte Hewitt, "hätten wir riskiert, dass ihr Erfolg zum Vorteil der Propagandamaschine des russischen Regimes genutzt worden wäre". "Wir glauben, dass wir die verantwortungsbewussteste Entscheidung getroffen haben, die möglich war."

Von dem Ausschluss betroffen sind unter anderem der Weltranglisten-Zweite Daniil Medwedew aus Russland und die zweimalige Major-Siegerin Victoria Asarenka aus Weißrussland. Dass das Duo in Wimbledon nicht aufschlagen darf, hat in den vergangenen Tagen zu heftiger Kritik geführt - auch von Spielern. So bezeichnete etwa Djokovic den Bann als "verrückt". Tennisprofis oder Athletinnen und Athleten allgemein hätten mit dem Krieg nichts zu tun, meinte der Serbe. Ähnlich äußerte sich der Tennis-Profi Alexander Zverev. "Die Entscheidung zeigt, dass die verschiedenen Tennis-Gemeinschaften nicht zusammenstehen. Wir spielen das ganze Jahr auf der Tour mit einer Regel. Nämlich, dass die russischen Tennisspieler nicht unter russischer Flagge spielen dürfen. Wimbledon macht, was sie wollen", sagte der Deutsche mit russischen Wurzeln am vergangenen Freitag.

Djokovic darf aufschlagen

Widerstand formiert sich auch auf Ebene der Tennis-Organisationen. Wenn bestimmte Athletinnen und Athleten nicht mehr an Turnieren teilnehmen dürfen, ergebe es keinen Sinn mehr, eine Weltrangliste zu führen, wird kritisiert. Weswegen die Herrentennis-Organisation ATP sowie ihr weibliches Pendant (WTA) erwägen, Sanktionen gegen Wimbledon zu beschließen. So steht im Raum, dass für Wimbledon dieses Jahr keine Weltranglistenpunkte vergeben werden. Eine Entscheidung darüber könnte noch in dieser Woche in der spanischen Hauptstadt Madrid fallen.

In Wimbledon sieht man die Drohung (noch) gelassen. "Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen", ließ Geschäftsführerin Sally Bolton ausrichten. Keine Spekulationen mehr gibt es mit Blick auf eine Teilnahme von Djokovic. Ihm wurde am Dienstag der Wimbledon-Start trotz fehlender Corona-Impfung erlaubt. Aber nicht, weil er sakrosankt wäre. Die Covid-Regeln sind nur andere.(rel/apa)