Bestärkt durch hervorragende Frühjahrsleistungen darf sich Felix Gall auch bei seinem ersten Giro d’Italia einiges ausrechnen. Als Kapitän der AG2R-Mannschaft trägt der 24-jährige Osttiroler gleich in seiner ersten Grand Tour viel Verantwortung. Ausgestattet mit viel Selbstvertrauen dank mehrerer Spitzenergebnisse bei der Baskenland-Rundfahrt und der Tour of the Alps, will er im hochkarätigen Tross der Italien-Rundfahrt reüssieren. "Der Plan ist schon die Gesamtwertung. Nach den letzten Rennen macht es Sinn, das zu probieren. Ich bin gut drauf, es könnte nicht besser sein. Es passt alles gut zusammen derzeit", betonte der zuletzt bei der Alps-Tour in Italien und seiner Heimat mit den Topstars auf Augenhöhe mitkletternde Juniorenweltmeister von 2015.

Auf ein Ergebnisziel wollte sich Gall vor dem Giro-Auftakt am Freitag in Ungarn nicht festlegen, die Top Fünf seien derzeit aber noch nicht erreichbar. Sein Team gibt einen Platz unter den ersten 15 als Wunsch aus. Die bisher letzten Österreicher in den Top Ten waren 2020 Patrick Konrad (8.) und Hermann Pernsteiner (10.). Gall fühlt sich in seiner neuen Mannschaft nach einem schwierigen Vorjahr bei DSM pudelwohl. Bis auf die noch abzubauende Französisch-Sprachbarriere laufe alles ideal. Ein wichtiger Faktor sei die bessere Einbindung aller Fahrer in die Saisonplanung und der lockere Umgang. "Der größte Unterschied ist, dass ich für mich fahren kann mit Unterstützung des Teams. Es freut mich, dass ich das Vertrauen bisher bestätigen habe können", sagte Gall vor der Abreise nach Ungarn im Gespräch mit der Austria Presse Agentur.

Mit den jüngsten Erfolgen sei auch das Vertrauen an die eigene Stärke gestiegen. "Das Team hat an mich geglaubt, dass ich dazu fähig bin. Jetzt habe ich mehr Selbstvertrauen, weil ich sehe, dass so etwas möglich ist." Diese Hochform will er nun auch beim Giro ausspielen. "Felix war die erfreuliche Überraschung in der bisherigen Saison für unser Team. Er hat sein großes Potenzial in Etappenrennen gezeigt und er wird beim Giro unser einziger Kapitän für die Gesamtwertung sein", erläuterte AG2R-Manager Laurent Biondi und sprach einen Top-15-Platz und sowie einen möglichen Etappensieg als Ziele an. Man müsse aber berücksichtigen, dass es Galls erste dreiwöchige Rundfahrt sei.

Auf die fehlende Erfahrung weist auch der Osttiroler selbst hin. "Ich habe schon ein bisschen Respekt. Ich muss schauen, wie mein Körper auf zwei, drei Wochen Rennen reagiert." Aufschluss über die tatsächlichen Kräfteverhältnisse werde ohnehin bereits nach der Überstellung aus Ungarn am vierten Renntag die Bergankunft am Ätna bringen. Spätestens nach der ersten Woche werde er Gewissheit haben, ob er es mit den Assen in der Gesamtwertung aufnehmen kann. Anderenfalls wird die Jagd auf einen Etappensieg im Vordergrund stehen. Der bisher einzige für Österreich in der Giro-Geschichte gelang Lukas Pöstlberger zum Auftakt 2017.

Offenes Rennen

Im Kampf um den Gesamtsieg der 105. Auflage ist ein offenes Rennen zu erwarten. Schließlich fehlen die slowenischen Rundfahrten-Dominatoren Tadej Pogacar und Primoz Roglic sowie der verletzte Titelverteidiger Egan Bernal. Angeführt wird das Feld von den früheren Giro-Gewinnern Richard Carapaz (Ineos/2019) und Tom Dumoulin (Jumbo/2017). Weitere Sieganwärter sind Romain Bardet (DSM), der Vorjahresdritte Simon Yates (BikeExchange), Joao Almeida (Emirates) und Mikel Landa (Bahrain).

Ein Heimerfolg ist sechs Jahre nach dem bisher letzten italienischen Triumph durch Vincenzo Nibali hingegen unwahrscheinlich. Der Bora-Rennstall versucht es mit der Dreier-Spitze Wilco Kelderman, Emanuel Buchmann und Jai Hindley. Unterstützt werden sie vom Tiroler Patrick Gamper. Der oberösterreichische Giro-Debütant Tobias Bayer ist im Alpecin-Rennstall als Helfer für Etappenjäger Mathieu van der Poel eingeteilt. Routinier Matthias Brändle (Team Israel) hat es vor allem auf die beiden kurzen Einzelzeitfahren am zweiten Tag in Budapest und zum Abschluss in Verona abgesehen. Dazwischen warten wieder zahlreiche Berge und nur einige wenige Sprintabschnitte für Mark Cavendish und Co. Die wohl entscheidende Königsetappe endet am vorletzten Tag nach 4.500 Höhenmetern am Fedaia-Pass an der Marmolata. Diesen Anstieg und auch viele andere kennt Gall nur vom Hörensagen, die fehlende Streckenkenntnis trübt seine Vorfreude aber nicht. "Ich kann mich auf den Giro freuen. Es wird Zeit, dass ich eine Grand Tour fahre."