Ein Wimbledon-Halbfinale ist selten ein Kindergeburtstag. Zumindest im Vorfeld der Vorschlussrunde bei den Damen, in der die Tunesierin Ons Jabeur und die Deutsche Tatjana Maria am Donnerstag aufeinandertreffen - das zweite Halbfinale bestreiten Simona Halep und die Kasachin Elena Rybakina -, fühlt es sich aber fast so an. Maria ist Mutter einer achtjährigen und einer 15 Monate alten Tochter, Jabeur eine gute Freundin der Familie und für die beiden Mädchen einfach nur die "Tante Ons".

Während deren Erfolgslauf in Wimbledon zwar eine historische Dimension hat - weder bei den Männern, noch bei den Frauen hat es je zuvor jemand aus Nordafrika in ein Grand-Slam-Semifinale geschafft -, aber nicht allzu überraschend kommt, da sie als Nummer zwei der Welt schon der Papierform nach zu den Favoritinnen zählt beziehungsweise eine ausgezeichnete Rasen-Bilanz hat, ist Maria eine der Sensationen des Turniers. Vor 14 Jahren stand die Karriere der heute 34-Jährigen an der Kippe, als bei ihr eine Thrombose am Bein entdeckt wurde, sie in Folge wegen einer Lungenembolie und Herzproblemen in Lebensgefahr schwebte. Wenig später starb ihr Vater, der sie zu Turnieren begleitet hatte.

Ons Jabeur steht als erste Araberin beziehungsweise Nordafrikanerin jetzt in einem Major-Halbfinale. - © AFP
Ons Jabeur steht als erste Araberin beziehungsweise Nordafrikanerin jetzt in einem Major-Halbfinale. - © AFP

Nach der Geburt ihrer ersten Tochter zweifelten nicht wenige an ihrem Comeback; doch die Deutsche kämpfte sich mit umgestellter Technik - von beidhändiger auf einhändige Rückhand - zurück; ehe sie erneut in Babypause ging. Heute, nach dem 4:6, 6:2, 7:5-Erfolg über ihre Landsfrau Jule Niemeier neuerdings sogar als Wimbledon-Halbfinalistin, sieht sie in ihren Erfahrungen einen Grund für ihre neue Stärke. "Es sind ein paar Sachen passiert, die einen automatisch stärker machen", sagt sie. Zudem verhelfe ihr die Mutterrolle zu mehr Ausgeglichenheit. Egal, was auf dem Platz passiere - "meine Töchter sind das Wichtigste für mich. Nichts kann das ändern."

Den Bann gebrochen

Und eben diese Töchter sind auch eines der Bindeglieder zu ihrer nunmehrigen Gegnerin. "Ons ist Teil meiner Familie. Sie liebt meine Kinder. Sie spielt Tennis mit Charlotte und liebt Ceci." Ebenso herzlich spricht Jabeur über Maria, der sie auch aufgrund ihres Kämpferherzes und ihrer Doppelfunktion höchsten Respekt zollt. "Ich freue mich wirklich für sie, dass sie jetzt bekommt, was sie verdient. Ich weiß, wie sehr sie gekämpft hat. Es ist nicht einfach, nach zwei Kindern zurückzukommen. Es wird ein großartiges Match, mit viel Respekt auf beiden Seiten. Vielleicht werden wir für zwei Stunden oder wie lange es eben dauert, keine Freundinnen sein, aber danach sind wir es wieder."

Jabeur, die einzige Top-15-Spielerin, die es in die Runde der letzten Vier geschafft hat, geht jedenfalls als klare Favoritin in das Match. Auf die unorthodoxe Spielweise ihrer Gegnerin ist die 27-Jährige gut vorbereitet, nach den beiden Viertelfinali in Wimbledon 2021 und Melbourne 2020 bringt sie auch mehr Erfahrung mit. Nun hat sie auch den Fluch vertrieben, dass es noch niemand aus ihrer Region auf diese Ebene geschafft hat.

Motivation - und vielleicht auch ein bisschen Druck - haben ihr unter anderem Gespräche mit dem vierfachen Grand-Slam-Viertelfinalisten Hicham Arazi aus Marokko gegeben, wie sie in London berichtete. "Er hat gesagt: ,Araber verlieren immer im Viertelfinale. Bitte brich den Bann.‘" Das ist nun abgehakt, mehr könnte noch kommen. Ein Kindergeburtstag wird freilich auch das nicht.(tamsl)