Es kommt nicht oft vor, dass ein Trainer eines Tennis-Spielers, der gerade Wimbledon gewonnen hat, von einem "Sch . . . jahr" für seinen Schützling spricht. Goran Ivanisevic tat es, nachdem Novak Djokovic am Sonntag mit einem 4:6, 6:3, 6:4, 7:6-Finalsieg über Nick Kyrgios zum siebenten Mal beim Rasenklassiker triumphiert hatte. Wie bei der Überraschungssiegerin bei den Damen, Jelena Rybakina, die sich tags davor mit 3:6, 6:2, 6:2 über die Weltranglistenzweite Ons Jabeur durchgesetzt hatte, waren nicht nur Tränen der Freude geflossen. Rybakina ist in Moskau geboren und spielt erst seit 2018 für Kasachstan, immer wieder musste sie Fragen nach dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine beantworten, blieb aber in ihren Antworten ("Ich kann mir nicht aussuchen, wo ich geboren wurde").

Zum siebenten Mal durfte Djokovic die Trophäe stemmen - doch diesmal war es ein bisschen anders. 
- © afp / Daniel Leal

Zum siebenten Mal durfte Djokovic die Trophäe stemmen - doch diesmal war es ein bisschen anders.

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Es passt zu einem Turnier, das schon im Vorfeld von anderen als rein sportlichen Fragen geprägt war: Weil russische und belarussische Spieler und Spielerinnen von den Organisatoren ausgeschlossen worden waren, gab es auch keine Weltranglistenpunkte - was wiederum das Kuriosum zur Folge hat, dass Djokovic trotz seines Triumphs von Platz drei auf sieben abrutschte.

Dieser wiederum hatte zu Beginn der Saison für die meisten Schlagzeilen gesorgt - und auch jetzt seien die Nachwehen seiner Abschiebung aus Australien wegen seiner fehlenden Covid-19-Impfung sowie irreführender Angaben vor den Behörden nicht gänzlich abgeklungen, sagte Ivanisevic. Der Serbe habe lange gebraucht, um über die Ereignisse hinwegzukommen. "Viele hätten das nicht geschafft", glaubt der Kroate.

Erst in der Mitte der Sandsaison habe Djokovic seine normale Form langsam wieder gefunden. In Paris folgte die nächste Enttäuschung, als er im Viertelfinale gegen Rafael Nadal verlor und so seinen Titel nicht verteidigen konnte. Umso größer ist nun die Genugtuung über den neuerlichen Wimbledon-Triumph.

Zumindest durfte Djokovic in Europa überall spielen. Nun beginnt aber wieder eine Phase der Ungewissheit. "Wir trainierten, aber wir wussten nie, ob und wo er spielen darf. Noch drei oder vier Wochen vor den French Open war nicht klar, ob er einreisen kann." In die USA mit den beiden großen Masters-1000-Turnieren in Indian Wells und Miami durfte er es nicht.

Vage Hoffnung

Der Serbe kommt dieses Jahr deshalb erst auf sieben Turniere. Nun wechselt die Tour bald wieder nach Nordamerika für die zweite Hartplatz-Tournee des Jahres - und das Problem mit der fehlenden Impfung wird wieder akut. "Für mich steht ein langer, heißer Sommer bevor", mutmaßte Ivanisevic.

Djokovic hat hingegen die Hoffnung auf einen Kurswechsel in den USA noch nicht ganz aufgegeben. "Wir werden sehen, ob es noch News aus Amerika gibt", sagte er am Sonntagabend. "Ich denke nicht, dass eine Ausnahme realistisch ist. Ich kann eigentlich nur hoffen, dass sie die Impfpflicht für Einreisende aufheben."

Sehr groß ist die Wahrscheinlichkeit aber nicht, und Djokovic schließt aus, sich doch noch impfen zu lassen. Sein Fehlen bei den US Open hätte auch gravierende Folgen in der Weltrangliste. Durch sein Fehlen bei Turnieren in Ländern mit einer Impfpflicht hat er bereits potenzielle 4.000 ATP-Punkte verloren, dazu kommen die 2.000, die der Wimbledon-Sieg eingebracht hätte.

Das bereitet ihm allerdings kaum Sorgen. Seit er den Rekord für die meisten Wochen als Nummer 1 an sich gerissen hat, interessiert ihn die Weltrangliste nicht mehr groß. "Wenn ich es richtig verstanden habe, bin ich als Grand-Slam-Sieger bei den ATP Finals dabei, solange ich in den Top 20 bin", erklärte Djokovic, der in der Jahresliste nur den zehnten Platz belegt.

"Dafür sollte ich genug Punkte haben." Er sehe deshalb keine Notwendigkeit, Punkten nachzujagen. "Meine Priorität sind nun Siege bei Grand Slams und großen Turnieren." Deshalb würde ihn der Ausschluss von den US Open - und nach aktueller Gesetzeslage auch von den nächsten Australian Open - schmerzen. Djokovic steht wohl ein langer und geruhsamer, aber auch frustrierender Sommer bevor. Er zahlt einen hohen Preis für seine Haltung beim Thema Impfen. Sie könnte ihn den Titel des erfolgreichsten Spielers der Geschichte kosten.(apa/sda/tamsl)