Andrej Prozenko war wohl noch nie so nervös wie vor diesem Wettkampf. Dabei hatte er erst vor kurzem hautnah erfahren, dass es in seinem Sport - dem Hochsprung - gewiss nicht um Leben und Tod geht. In seiner Heimat Ukraine indes schon. "Vor drei Monaten habe ich meine Familie aus der Ukraine und den besetzten Gebieten geholt, aber ich habe alles daheim in Cherson gelassen. Ich habe nur eine Tasche, das ist alles, was ich habe", berichtete er. Seit Montagnacht hat er freilich auch eine Leichtathletik-WM-Medaille um den Hals hängen. Denn trotz einer völlig ungeordneten Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt ("Ich hatte keine Chance, entspannt zu sein") flog der 34-jährige Routinier in Eugene/Oregon nicht nur zu seinem bisher größten Erfolg, sondern auch zum ersten Edelmetall für die Ukraine bei dieser WM.

Viel Zeit zum Feiern will sich Prozenko nun nicht nehmen - es gibt Wichtigeres: Noch habe er keine Basis in Europa, aber er werde sich nach seiner Rückkehr aus Eugene umgehend um ein Haus für seine Familie und einen Platz zum Trainieren für sich kümmern, erklärte er.

Sein Edelmetall darf durchaus als Sensation gewertet werden, womit die frei gewordenen Emotionen nicht nur dem Krieg in seiner Heimat geschuldet sind: Denn der 1,94-Meter-Mann schien seinen Zenit längst überschritten, sind doch seit seinem bisher größten Erfolg - EM-Silber 2014 in Zürich - acht Jahre vergangenen. Doch so wie damals am Letzigrund reichten nun 2,33 Meter für Bronze - hinter Goldmedaillengewinner und Tokio-Olympiasieger Mutaz Essa Barshim aus Katar (2,37 Meter) und Woo Sang-hyeok (KOR/2,35).

Der Coup von Prozenko warf bei den Welttitelkämpfen aber auch ein Schlaglicht auf alle ukrainischen Athleten, die hin- und hergerissen sind wegen des russischen Angriffskriegs in ihrer Heimat und einer enorm herausfordernden Vorbereitung. Zumindest gab es dabei in der Organisation Unterstützung vom Weltverband. So stellte World Athletics (WA) mehr als 220.000 Dollar für die ukrainischen Teilnehmer bei der U20-WM in Cali in Kolumbien und bei der WM in Eugene bereit. Da viele Spitzensportler wegen des Krieges im Ausland trainieren müssen, müssen für sie auch die Tests der Welt-Anti-Doping-Agentur neu organisiert werden.

Ausschluss für Russen

Zudem galt es, Sanktionen gegen Sportler aus den Aggressor-Nationen zu verhängen: Schon kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges im Februar hatte der Weltverband reagiert und Russland und Weißrussland von den ersten Welttitelkämpfen in den USA ausgeschlossen. "Es wäre undenkbar gewesen, hier eine Weltmeisterschaft mit Athleten aus Belarus und Russland zu veranstalten, zwei aggressiven Nationen, die in einen unabhängigen Staat eingefallen sind", hatte WA-Präsident Sebastian Coe kurz vor dem Start der in Eugene betont.

Drastischer formulierte es die ukrainische Hochspringerin Jaroslawa Mahutschich. "Ich möchte im Stadion keine Killer sehen. Eine Menge Sportler unterstützen den Krieg", sagte die WM-Dritte von 2019 und Hallen-Weltmeisterin der Nachrichtenagentur AP. Im Finale in der Nacht auf Mittwoch galt sie als Goldfavoritin - auch weil die dreifache Weltmeisterin Marija Lasizkene aus Russland nicht am Start ist.

Lasizkene hatte in einem offenen Brief an Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, und Coe beklagt, nicht an der WM teilnehmen zu können. Zwar zeigte Lasizkene Mitgefühl mit den Athleten aus der Ukraine ("Sie erleben, was kein Mensch jemals erleben sollte"), meinte aber zugleich, dass der Ausschluss von Russland im internationalen Sport den Krieg nicht stoppe, sondern "einen neuen Krieg um und im Sport" entfacht hätte.

Hudson im Speer-Einsatz

Nach dem Finaleinzug von Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger (Entscheidung Mittwochfrüh) hofft die 26-jährige Victoria Hudson, es ihrem rot-weiß-roten Teamkollegen gleichzutun. Die Speerwerferin muss dafür unter die besten Zwölf der Qualifikation am Donnerstag (1.40 Uhr MESZ) kommen.(may)