Während der eine nach seinem Ausfall einen Urschrei der Verzweiflung ausstieß, fuhr der andere mit einer trockenen Jubelgeste als Erster über die Ziellinie: Nachdem Charles Leclerc in Frankreich zum dritten Mal in dieser Formel-1-Saison ohne Punkte geblieben ist, beträgt der Vorsprung von Max Verstappen in der Fahrerwertung schon 63 Punkte. Das sind mehr als zwei Rennsiege - und angesichts der Fehlerhäufigkeit bei Ferrari ist das schon eine kleine Vorentscheidung im Kampf um den Titel. "Natürlich ist das ein gewaltiger Vorsprung. Aber es kann noch eine Menge passieren", meinte Verstappen nüchtern. "Wir brauchen noch viele gute Resultate."

Der Niederländer, der mit 130 Rennen für Red Bull nun der alleinige Rekordhalter des Rennstalls vor Mark Webber ist, hat sieben von zwölf WM-Läufen in diesem Jahr gewonnen. Er gab zu, dass sein Guthaben dank glücklicher Umstände womöglich etwas aufgebläht ist. "Natürlich ist der Vorsprung, den wir haben, toll, aber er ist wahrscheinlich ein bisschen größer, als er sein sollte, wenn man das Leistungsvermögen der beiden Autos betrachtet."

In Le Castellet fiel Verstappen die Führung im Rennen kampflos zu, nachdem sich Leclerc von der Strecke gedreht hatte und in einen Reifenstapel krachte. Wie schon in Spanien und Aserbaidschan musste der Monegasse das Rennen als Leader beenden. Waren es zuvor jeweils Motorschäden, flog er am Sonntag wegen eines von ihm eingestandenen Fahrfehlers (zunächst war ein hängengebliebenes Gaspedal vermutet worden) von der Strecke. Der Sieger hieß stets Verstappen.

Ferrari schneller eingeschätzt

Von Beginn an habe er sich gut gefühlt, ließ der Red-Bull-Pilot den Frankreich-Grand-Prix Revue passieren. Er sei sogar überrascht gewesen, dass Leclerc kein höheres Tempo vorlegen konnte. "Ich dachte, er würde schneller sein. Ich dachte, es würde schwierig sein, ihm zu folgen. Aber dann konnte ich gleich sehen, dass unsere Balance nicht schlecht war", erklärte Verstappen. Ferrari habe aber immer noch "ein sehr schnelles Auto", gestand er ein.

Sein Team habe daher noch viele Hausaufgaben vor sich - insbesondere vor dem Ungarn-Grand-Prix am Sonntag. "Wir brauchen noch immer mehr Geschwindigkeit auf einer Runde. Und ich denke, das nächste Rennen in Budapest wird für uns ein härterer Kampf, weil Ferrari dort sehr, sehr stark sein wird", meinte der 24-Jährige. "Es geht darum, in jedem Rennen Punkte zu machen, auch wenn es nicht dein Tag ist."

Das hat Red Bull Racing in diesem Jahr jedenfalls besser hingekriegt als die Konkurrenz aus Maranello. Für Leclerc war Frankreich bereits das fünfte Mal in dieser Saison, dass er eine Pole Position nicht in einen Sieg verwandeln konnte. Bei sieben Pole-Platzierungen gelang ihm das nur zweimal - in Bahrain und Australien. Teamkollege Carlos Sainz hat schon vier Ausfälle verzeichnet. Hinzu kamen ein paar fragwürdige Strategie-Entscheidungen am Kommandostand, die wertvolle Punkte gekostet haben könnten.

"Alle 10 Rennen gewinnen"

Trotzdem schaltete Ferrari schnell wieder in den Angriffsmodus. "Es gibt keinen Grund, warum wir nicht die letzten zehn Rennen gewinnen sollten. Ich bin sehr positiv, weil das Paket passt", sagte Mattia Binotto, Teamchef der Scuderia. Und Sainz sprang Leclerc zur Seite. "Was ihm passiert ist, kann jedem passieren, auch mir oder Max, weil wir immer am Limit fahren und Druck machen. Ich bin mir sicher, er wird sich davon erholen", sagte der Spanier, der am Sonntag Fünfter wurde, dabei aber mehrmals mit den Entscheidungen der Ferrari-Crew nicht einverstanden war.