Es war eine seltsame Koinzidenz, aber sowohl in Las Vegas als auch im mehr als 13.000 Kilometer entfernten Bangkok ereignete sich dieser Tage Golf-Historisches: Während sich Dustin Johnson schon vor der letzten Veranstaltung der LIV-Serie als erster Gesamtsieger der neuen, aus Saudi-Arabien finanzierten und in der Fachwelt umstrittenen Turnierserie in die Annalen eintrug, machte sich in der Wüste Nevadas der erst 20-jährige Südkoreaner Tom Kim (eigentlich Kim Joo-hyung) zum ersten unter 21-Jährigen mit zwei Triumphen auf dieser Ebene seit Tiger Woods - und zum jüngsten nach Ralph Gundahl in den 30er-Jahren.

"Geschichte geschrieben", hieß es also da wie dort durchaus begründet.

Doch dahinter steckt ein Kampf um die Deutungshoheit, der mit der Lancierung der neuen Serie Anfang dieses Jahres, wie es scheint, kaum zu überwindende Gräben auf den Greens dieser Welt zwischen Las Vegas und Bangkok, zwischen Augusta und Jeddah, aufgerissen hat. Und er bekam an diesem Tag eine beinahe ironische Fußnote: Während die PGA-Tour - in dieser Form 1968 als Reaktion auf den Golfboom in den USA aus der Taufe gehoben - auf die Geschichte und die Traditionsmarke setzt, gilt Johnson als klassischer Vertreter der Elitegolfgarde, die sie lange repräsentiert hat. Doch mittlerweile hat er ihr genauso wie etliche andere Langzeitstars à la Phil Mickelson den Rücken gekehrt und sich dem "Neuen" angeschlossen, während die PGA-Tour nach neuen, frischen Siegergesichtern wie Kim lechzt.

Vertreter der etablierten Garde auf der LIV-Tour: Dustin Johnson. Jamie Sabau - © Jamie Sabau
Vertreter der etablierten Garde auf der LIV-Tour: Dustin Johnson. Jamie Sabau - © Jamie Sabau

Die Gefahr, dass weitere Topspieler abwandern könnten, ist freilich groß, schließlich lockt diese nicht nur mit Rekordpreisgeld - Johnson erspielte alleine mit seinem Titel 18 Millionen Dollar, bei den sechs Saisonturnieren kam er gesamt auf rund 80 Millionen -, sondern auch mit absurd anmutenden Antrittsprämien. Mickelson soll sich seinen Wechsel von der PGA-Tour mit 200 Millionen Dollar vergüten lassen haben, Tiger Woods hatte eine kolportierte Offerte von 700 bis 800 Millionen Dollar ausgeschlagen.

Der 15-fache Major-Sieger kann es sich freilich leisten, andere Spieler mit einer nicht ganz so stolzen Erfolgsbilanz müssen dagegen auch auf der an sich höchst lukrativen PGA-Tour härter um ihr Geld kämpfen als auf der LIV-Serie - zumal diese bisher ohne Cut auskam und schlechter platzierte Spielern somit stets die Chance hatten, sich im Finale noch nach vorne zu arbeiten.

Wer darf spielen und wie sind die Regeln für 2023?

Allerdings könnte sich nun genau das ändern: Denn wiewohl alle (Beteiligten) den Erfolg der Premierensaison betonten, gibt es schon erste Gerüchte über Adaptierungen für das kommende Jahr: Demnach könnte künftig auf 72 statt wie heuer auf 54 Löcher gespielt und ein Cut eingezogen werden. Die Verantwortlichen hegen die Hoffnung, dadurch Kriterien zu erfüllen, dass bei ihren Veranstaltungen Weltranglistenpunkte vergeben werden.

Entscheiden wird sich diese Frage allerdings wohl erst im kommenden Jahr; jene, ob LIV-Teilnehmer künftig auch wieder zu PGA-Turnieren zugelassen werden, dürfte sogar noch länger einer Klärung harren. Als Reaktion auf die Abwanderung hatte die PGA nämlich die Abtrünnigen suspendiert, woraufhin die betroffenen Spieler Kartellklage eingereicht haben. Ein Urteil wird erst 2024 erwartet. Ein Antrag auf einstweilige Verfügung wurde mittlerweile abgelehnt, auch für Ryder beziehungsweise Presidents Cup wurden die Spieler nicht berücksichtigt.

Die Fronten sind verhärtet. Und entschieden wird der Streit nicht auf dem grünen Rasen, sondern am grünen Tisch. Ruhmesblatt ist das freilich keines für einen Sport, der sich sonst so gerne seiner Gentleman-Attribute preist.