Noch nie hat Jakob Pöltl eine dermaßen bedeutende Rolle bei einem NBA-Team eingenommen. Andererseits waren auch die sportlichen Erfolgsaussichten noch nie so gering wie vor seiner siebenten Saison in der weltweit stärksten Basketball-Liga. Denn: Die San Antonio Spurs befinden sich im Umbruch - mit Pöltl als Leader. Der Wiener will Spielzeit und Verantwortung nutzen, um sich vor allem in der Offensive weiterzuentwickeln. "Ich versuche, mein Spiel so weit es geht auszubauen. Ich habe mir einiges vorgenommen für die Saison", sagte Pöltl vor dem Auftakt am Mittwoch (2 Uhr MESZ in der Nacht auf Donnerstag) gegen die Charlotte Hornets. Mit 27 Jahren ist er der älteste Akteur in San Antonios Startformation, dazu der längstgediente Spieler beim Klub.

Künftig soll der Defensivmann vor allem im Angriff werken. Der 2,13-Meter-Profi wird den Ball zukünftig noch mehr in Händen halten und in Eins-gegen-Eins-Situationen gefordert sein. "Es ist ein bisserl eine Spielmacherrolle von mir gefragt", sagte Pöltl. Er befinde sich diesbezüglich noch in der "Lernphase". "Ich bin noch nicht zu 100 Prozent in der Rolle drin. Ich schätze, es wird ein paar Spiele dauern. Aber ich möchte effizient sein und gute Entscheidungen treffen." Mit 13,5 Punkten, 9,3 Rebounds und 2,8 Assists pro Spiel hatte der Center schon vergangene Saison Karrierebestmarken erzielt. Weil aber die Spurs im Sommer All-Star Dejounte Murray abgegeben haben, darf man davon ausgehen, dass diese Werte noch einmal nach oben gehen - wenn auch laut Pöltl "nicht unbedingt" alle drei. "Unsere offensive Identität ist jetzt eine andere." Teambasketball steht an erster Stelle.

Ob Pöltl die Saison tatsächlich in San Antonio zu Ende spielen wird, ist offen. Bis 9. Februar sind Transfers möglich. Ein Team mit Titelambitionen könnte ihn mit seinem vergleichsweise günstigen Vertrag - Pöltl kassiert im letzten Vertragsjahr "nur" knapp 9,4 Millionen Dollar (9,7 Millionen Euro) - anwerben. Interessenten soll es schon gegeben haben, allein der Preis war bisher zu hoch. Langfristig will Pöltl freilich um einen NBA-Titel spielen - ob in San Antonio oder bei einem anderen Verein. Das Umbruchjahr ist so gesehen auch eine Chance. "Ich sehe es so: Ich kann diese neue Rolle annehmen und darin erfolgreich sein. Wenn die Saison aber nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, weiß ich, dass ich jederzeit in eine sehr effiziente Rolle als Verteidiger, Finisher und Rebounder hineinschlüpfen kann und das auch jederzeit auf einem hohen Niveau machen kann in der NBA." Auch dafür werden in der Liga mittlerweile jährlich zweistellige Millionenbeträge bezahlt.

Pöltl ein zweiter Duncan?

Andererseits gefällt Pöltl wiederum die defensive Grundmentalität der jungen Spurs. "Jetzt im Moment macht es mir Spaß mit dem Team. Deswegen kann ich es mir vorstellen, länger zu bleiben." Das muss er wohl auch, erst im kommenden Sommer kann Pöltl selbst über seinen Arbeitgeber entscheiden. Bis dahin wird auch geklärt sein, welches Team im Draft 2023 das große Los gezogen hat: Victor Wembanyama. Das 18-jährige Profi aus Frankreich gilt als das Ausnahmetalent der nächsten Generation. "In den Highlights, die ich gesehen habe, schaut er sehr gut aus", meinte Pöltl über den wurfstarken 2,20-Meter-Mann, der die Liga verändern und in absehbarer Zeit dominieren könnte. "Das Größen-Längen-Verhältnis gepaart mit den Skills, die er zeigt, ist beeindruckend." Die drei Teams mit der schlechtesten Saisonbilanz erhalten beim Draft im Mai 14 Prozent der Chancen auf das Erstwahlrecht und damit auf Wembanyama. Fast alle US-Experten sehen die Spurs als heißen Kandidaten, diesem Kreis anzugehören.

Absichtlich verlieren, das steht laut Pöltl aber nicht zur Debatte. "Es geht eher in die andere Richtung." Sein Verein wolle frühestmöglich wieder konkurrenzfähig sein. Zu Saisonstart wird das vermutlich nicht der Fall sein. Pöltl: "Wir sind nicht besonders weit im Prozess, um wirklich auf hohem Niveau Basketball spielen zu können." Fehlen würden aber vor allem noch taktische Einheiten. Der Schliff kommt wiederum von Trainerlegende Gregg Popovich. Der 73-Jährige, mit den Spurs fünfmal Meister, geht den Neuaufbau mit. "Er scheint sich hinter dieses Jugendprojekt geklemmt zu haben", sagte Pöltl. "Er ist Vollgas dabei." Für Popovich ist sein Center eine Schlüsselfigur. Er verglich die Bedeutung von Pöltl für das aktuelle Team gar mit jener von Superstar und Ex-Spurs-Spieler Tim Duncan in dessen Meisterteams. "Das ist ein bisschen weit hergeholt, vor allem spielerisch", sagte Pöltl. "Vom Typ und der Persönlichkeit her sind wir uns aber gar nicht so unähnlich." Nun, man wird sehen.