Dominic Thiem hat am Freitag mit seiner bisher besten Leistung in seinem Comeback-Jahr das Halbfinale von Antwerpen erreicht. Der 29-jährige Niederösterreicher rang den Weltranglisten-Elften Hubert Hurkacz aus Polen, in Belgien topgesetzt, nach 2:54 Stunden nach Abwehr von drei Matchbällen mit 3:6,7:6(9),7:6(4) nieder. Es war sein bisher wertvollster Sieg gegen den am höchsten gereihten Spieler seit seiner rund zehnmonatigen Auszeit nach der Handgelenksverletzung.

"Ich hatte das erste Mal wieder das Gefühl, dass ich teilweise sensationelle Bälle gespielt habe, bei denen das Publikum richtig mitgegangen ist. Das hat mir natürlich gefehlt, ich war lange nicht in der Lage, solches Tennis zu spielen", freute sich Thiem. Am Samstag (nicht vor 15.30 Uhr/live Sky) trifft er nun erstmals auf den US-Amerikaner Sebastian Korda, den Sohn des Ex-Weltklassemanns Petr Korda. Es wird sein drittes Halbfinale auf der ATP-Tour nach Gstaad und Gijon in seinem Comeback-Jahr. Kommende Woche tritt der Wien-Sieger 2019 erstmals seit zwei Jahren wieder in der Stadthalle an. Seine heimischen Fans werden dem Wiedersehen nun besonders entgegenfiebern.

Thiems Anreise zum Erste Bank Open verzögert sich nun also, und wenn es nach ihm geht, dann wohl gerne noch um weitere Tage. Im Ranking schiebt sich Thiem schon jetzt ganz nahe an sein großes Ziel für die Restsaison heran: Er scheint im Live-Ranking an 112. Stelle auf. Schlägt er Korda, dann knackt er die Top 100 noch vor Wien.

"Dieser Sieg ist unglaublich, weil es ist der erste Sieg über einen fast Top-Ten-Spieler in meinem Comeback-Prozess. Es war toll zu spielen, tolle Atmosphäre, enges Match. Danke an euch alle", freute sich Thiem noch auf dem Platz über seinen Triumph, der in vielerlei Hinsicht so viel wert ist.

Dabei hatte das Match gar nicht gut begonnen. Es sah eigentlich schon nach der vierten Niederlage gegen Hurkacz im vierten Duell mit dem Top-Aufschläger aus. Ein früher Serviceverlust zum 0:2 bedeutete für Thiem schnell großen Druck gegen den Polen. Eine Chance zum Rebreak hatte sich Thiem im neunten Game nach einer herrlichen Rückhand longline erarbeitet, doch es war Hurkacz, der seinen ersten Satzball nach etwas über einer halben Stunde nutzte.

"Der Start war hart. Ich war 0:3 (im Head-to-head, Anm.) gegen ihn, er spielt großartiges Tennis und hat einen der besten Aufschläge. Gegen ihn mit einem Breakrückstand zu starten, ist gar nicht gut", gestand Thiem. Aber er sei dann ins Match gekommen. "Ich habe mich immer sicherer gefühlt."

Die Partie wurde ab dem zweiten Durchgang zum echten Thriller auf hohem Niveau und typischem Hallen-Tennis. Dank starker Aufschlagleistungen auf beiden Seiten ging es ohne Serviceverlust ins Tiebreak. Dieses verlief dramatisch: Hurkacz führte schon 3:0 und 4:2, hatte dann bei 6:4 zwei und bei 8:7 einen dritten Matchball, ehe Thiem zum 11:9 seinen dritten Ball zum Satzgewinn nutzte. Besonders beim Matchball bei 5:6 hatte Thiem viel Glück, denn er fabrizierte einen unerreichbaren Netzroller.

"Die Linie zu finden und die Netzkante zu finden beim Matchball: so ist es, besonders indoor gegen jemand, der so gut aufschlägt. Es geht um ganz kleine Details und Zentimeter - heute war das Glück auf meiner Seite", atmete Thiem durch. "Bei dem Matchball hätte es leicht vorbei sein können. So ist es auf höchstem Level, ich bin generell wirklich happy, dass ich überhaupt wieder zu diesen engen Situationen komme. Heute ist es auf meine Seite gegangen, und ich muss das genießen."

Auch im dritten Satz blieb das Match völlig offen, wieder ging es ohne Break ins "Jeu decisif": In diesem gelangen Thiem ein paar besonders feine Bälle wie u.a. eine krachende Rückhand longline in extremis und weit außerhalb des Platzes. Bei 6:4 nutzte Thiem dann den dritten Matchball zu einem Sieg, der bei ihm den berühmten Knopf gelöst haben könnte - gerade rechtzeitig auch vor Wien.

Physisch fühle er sich topfit, wie er dem belgischen Publikum versicherte. "Ich hatte genug Zeit, als ich verletzt war, um physisch in eine sehr gute Form zu kommen. Natürlich profitiere ich jetzt davon. Es ist schon spät in der Saison, normalerweise bin ich da schon müde, aber ich habe die Saison viel später als zuvor begonnen."

Nun geht es also gegen Korda, gegen den sich der Ex-US-Open-Sieger und vierfache Major-Finalist in der am Freitag gezeigten Form nicht verstecken muss. "Ich fühle mich immer noch frisch und freue mich auf die Turniere, die jetzt kommen", sagte Thiem und zeigte Respekt vor seinem 22-jährigen Gegner: "Er hat in Gijon sogar Finale gespielt, heute in 52 Minuten gewonnen, das heißt er ist in richtig guter Form. Als ich verletzt war, habe ich davon geträumt, dass ich gegen diese neuen, jungen Spieler bald spielen kann." (apa)