Der Thiemstag ist keine ganz junge Wortneuschöpfung, er ist auch kein Jugendwort mehr. 2016 taufte der Turnierdirektor der Erste Bank Open, Herwig Straka, den ersten Dienstag des Bewerbs in der Wiener Stadthalle nach Österreichs Tennis-Ass. Thiem war damals 22 Jahre alt, und er spielte die beste Saison seiner Karriere bis dahin. Thiem gewann sein Auftaktmatch, das Wortspiel blieb im Programm verankert, der Lichtenwörther wurde das Aushängeschild des Turniers. Bis Thiem schließlich vergangenes Jahr aufgrund seiner Handgelenksverletzung nicht antreten konnte.

Nun hat Wien seinen Liebling wieder. Morgen, selbstverständlich am Dienstag, schlägt Thiem (ab 17:20 Uhr/Servus TV, ORF1) in der Stadthalle auf. "Ich kann mir vorstellen, dass ihm der finale Knopf aufgeht", meint Straka.

Steigende Form

Die besten Argumente für Optimismus lieferte Thiem in der Vorwoche in Antwerpen. Da rang er im Viertelfinale Hubert Hurkacz, Weltranglistenelfter und Aufschlagsspezialist, in drei Sätzen und dank zweier gewonnener Tiebreaks nieder. Es war der zweite Halbfinaleinzug in Folge, schon beim Turnier in Gijon war ihm das gelungen. Zwar gelang weder in Spanien noch in Belgien der Sprung in die Schlussrunde, sein Spiel wies aber in wesentlich mehr Phasen die Qualitäten von früher auf. "Der Sieg gegen Hurkacz war der erste gegen einen absoluten Weltklassemann", sagte Thiem bei der Pressekonferenz vor Turnierbeginn. "Das hat mir einen Riesenboost gegeben." Seit Montag ist Thiem als 113. in der Weltrangliste auch wieder bester Österreicher.

Welcome-back-Geschenke gibt es für Thiem aber nicht. Die Auslosung bescherte ihm nämlich einen schwierigen Turnierauftakt. In der ersten Runde bekommt es Thiem mit Tommy Paul zu tun. Der US-Amerikaner, einer der schnellsten Spieler auf der Tour, spielt die beste Saison seiner Laufbahn. Im Juni erreichte er in Wimbledon zum ersten Mal ein Grand-Slam-Achtelfinale, beim Masters in Montreal im August kam er ins Viertelfinale und besiegte am Weg dorthin den späteren US-Open-Sieger Carlos Alcaraz. Zuletzt scheiterte der Weltranglisten-30. aber in Stockholm, wo er das Turnier 2021 gewinnen konnte, in der zweiten Runde. Das einzige Match gegen Thiem verlor er bei den French Open 2019 in vier Sätzen.

Sollte Thiem die Hürde Paul meistern, könnte in der zweiten Runde schon der erste Kracher anstehen. Die Nummer eins der Setzliste, Daniil Medwedew, wäre der Gegner, wenn der Russe morgen gegen Nikolos Basilaschwiili gewinnt. Allzu große Hoffnungen weist Thiem aber von sich: "Wien ist eine ganz andere Hausnummer als Gijon oder Antwerpen", sagte er vor versammelter Presse. "So weit, dass ich mich Favorit nenne, bin ich sicher noch nicht."

Österreichs Nummer zwei, Jurij Rodionov, bekommt es ebenfalls morgen mit Denis Shapovalov zu tun, Dennis Novak trifft am Mittwoch auf den Weltranglistenfünften Stefanos Tsitsipas.(mab)