Am Tag, an dem Johnnie "Dusty" Baker in der US-Baseballliga MLB debütierte, war in der Welt des Sports einiges los: In Monza eroberte John Surtees die Poleposition, Jochen Rindt beendete das Qualifying als Zehnter, das Spitzenspiel der deutschen Bundesliga zwischen Borussia Mönchengladbach und Alemannia Aachen endete 2:2 und bei den US-Open folgte Virginia Wade der Favoritin Billy-Jean King ins Finale. Bakers erster Einsatz für die Atlanta Braves war nicht einmal eine Randnotiz. Der damals 19-Jährige, der von seiner Mutter den Spitznamen deshalb bekam, weil er sich als Kind so gerne im Dreck wutzelte, war noch nicht bereit für die große Bühne. 1981 wurde er zum ersten Mal in die Mannschaft der Saison, das All-Star-Team, gewählt.

Bisher 2.143 Siege

War seine Karriere als Spieler gut, gehört er als Trainer zu den allerbesten. Seit 1993 hat er 2.143 Siege eingefahren, nur acht Trainer haben in der Geschichte der MLB mehr Spiele gewonnen. Mit Zahnstocher im Mund und Schweißbändern auf beiden Armen wurde er zur Kultfigur. Nur ein Makel haftet an Bakers Bilanz: Die World Series hat er als Trainer noch nicht gewonnen.

In der Nacht auf Sonntag (1.03 Uhr/Dazn) könnte Bakers Jagd ein Ende finden. Die Houston Astros, die er seit 2020 trainiert, führen die World Series, die als Best-of-Seven ausgespielt werden, mit 3:2 gegen die Philadelphia Phillies. Selbstläufer wird es aber keiner. Die Phillies, die überraschend in die World Series eingezogen sind, erweisen sich als formidabler Gegner. Auch das Spiel in der Donnerstagnacht hätten sie gewinnen können. Justin Verlander, der Starting Pitcher der Astros, hatte Probleme.

Die Aufgabe des Pitchers ist es, zum Catcher zu werfen, ohne dass die Schlagmänner den Baseball vernünftig treffen. Es ist die wichtigste Position im Sport, und Verlander einer der besten. Weil das Werfen den Körper belastet - Verlander wirft mit bis zu 160 Stundenkilometern - bestreiten sie selten ein ganzes Spiel. Es liegt im Ermessen des Trainers, wann der richtige Zeitpunkt für einen frischen Pitcher gekommen ist. Schon im fünften der neun Innings wirkte Verlander müde, die Phillies waren dem Ausgleich nahe. Baker entschied sich aber, mit dem Tausch zu warten. "Wir haben großartige Einwechselpitcher", sagte Baker nach der Partie. "Aber wer von ihnen ist besser als Verlander?" Dieser rechtfertigte das Vertrauen und verhinderte den Ausgleich. Danach fixierten die Reservisten den dritten Sieg.

Es ist nicht das erste Mal, das Baker eine Hand an der Trophäe hat. Auch seine Giants führten 2002 in der Serie mit 3:2-Siegen. Im sechsten Spiel lagen sie sogar mit 5:0 vorne, dann aber gelang den Anaheim Angels das Comeback. Sie gewannen mit 6:5. Der US-amerikanische Sportsender ESPN führt das Spiel auf der Liste der schmerzhaftesten Niederlagen in der Geschichte des Sports. Denn auch tags darauf verloren die Giants - und damit den sichergeglaubten Titel.

Erschummelter Titel 2017

Auch für die Astros als Klub käme der Sieg einer Art Vergangenheitsbewältigung gleich. Ihre bisher einzige World Series holten sie 2017, allerdings dank unlauterer Methoden. Die Astros entwickelten ein System, mit dessen Hilfe sie ihren Schlagmännern vermittelten, welchen Wurf - die Pitcher haben verschiedene Würfe, die sich in Geschwindigkeit und Flugbahn voneinander unterscheiden - sie zu erwarten hätten. Sie bewerkstelligten das, indem sie in ihrem Stadion eine Kamera installierten, die auf den Catcher fokussierte, der sich mit vermeintlich geheimen Handzeichen beim Pitcher den nächsten Wurf bestellt. Fünf Millionen US-Dollar mussten die Astros als Strafe zahlen, die MLB suspendierte zudem A.J. Hinch, den Trainer. Baker wurde sein Nachfolger. Weil die Liga aber die Spieler amnestierte und einige von ihnen noch heute in Houstons Kader stehen, haben viele Baseball-Fans den Astros nicht verziehen.

Mit einem Sieg könnten die Texaner zeigen, dass sie für den Titel nicht schummeln müssen. "Ich habe über 2.000 Spiele gewonnen, aber alle reden nur davon, dass die World Series fehlt", sagte Baker am Donnerstag. "Der Titel ist von Bedeutung. Für mich und mein Team."