Die Mannschaft trägt T-Shirts, auf denen "Champions" steht, sie steht auf einem Siegertreppchen, vor den Spielern stehen Funktionäre des Verbandes. Dann bekommt der Kapitän den Pokal überreicht, er stemmt ihn in den Nachthimmel. Man hat die Bilder oft gesehen. Was aber danach kommt, passt nicht ins Drehbuch: Der Kapitän jubelt nicht, er lächelt nicht einmal, keiner seiner Mitspieler reckt die Arme in die Luft, sie fallen sich auch nicht um den Hals. Auch auf den Rängen freut sich niemand, sie sind leer. Nach ein paar Sekunden beendet der Fernsehsender die Übertragung und gibt zurück ins Studio.

Die Siegerehrung der traurigen Gesichter fand am vergangenen Mittwoch im Shahid-Bahonar-Stadion im iranischen Kerman statt. Die Mannschaft, die nicht jubelte, war jene des FC Esteghlal aus der Hauptstadt Teheran, ihr Kapitän war Tormann Hossein Hosseini. Das Team hatte gerade den Super Cup gewonnen, als amtierender Meister also den Cupsieger bezwungen. Die TV-Anstalt, die das nicht mehr zeigen wollte, heißt IRIB, der Rundfunk der islamischen Republik.

Allen war klar, warum sich die Spieler nicht freuten. Sie konnten oder wollten während der Aufstände, die das Regime versucht niederzuschlagen, nicht ausgelassen sein. Siavash Yazdani, Verteidiger von Esteghlal, sagte nach der Partie: "Es ist ein bitterer Sieg. Wir widmen ihn den Frauen dieses Landes." Stürmer Mehdi Ghayedi teilte ein Foto von sich mit dem Pokal auf Instagram mit einem einzigen Hashtag: Dem Namen Milad Zares, einem Esteghlal-Fan, der Mitte September bei einer Demonstration von Sicherheitskräften ermordet wurde.

Am Sand und in der Kletterhalle

Der Ausnahmezustand im Iran hält an. Dazu gehören neben Bildern von Frauen, die sich nicht mehr an den Kopftuchzwang halten wollen, Studierenden, die sich der Geschlechtertrennung widersetzen und streikenden Arbeitern auch Sportlerinnen und Sportler, die nicht das tun, was die Regierung von ihnen erwartet. Die Teilnahme des Nationalteams an der WM ist im fußballverrückten Land ohnehin schon fast in Vergessenheit geraten.

Am Wochenende gewann das iranische Nationalteam den "Intercontinental Cup" im Beachsoccer, das nach der Weltmeisterschaft zweitwichtigste Turnier des Sports. Der Großteil der Spieler nahm die Siegerehrung regungslos hin. Schon während des Endspiels hatte Saeed Piramoon ein unmissverständliches Signal gesendet: Nachdem er zum vorentscheidenden 2:0 getroffen hatte, gab er symbolisch vor, sich seine Haare zu einem Zopf zu kämmen und diesen abzuschneiden. Eine Geste, die sich international als Akt der Solidarität etabliert hat.

"Was ist der Zweck all dieser Bemühungen, Millionen von Iranern einzusperren?"

Rasoul Khadem

Ihre Haare zeigte auch die Kletterin Elnaz Rekabi, die im Oktober im Finale der Asienmeisterschaften ohne Kopftuch kletterte. Wenig später meldeten sich Rekabis Verwandte, die nicht mehr in der Lage waren, sie zu erreichen. Drei Tage nach dem Bewerb kam Rekabi am Flughafen in Teheran an und wurde dort von Hunderten Fans empfangen. Laut einem Bericht der BBC sitzt sie seit ihrer Rückkehr in den Iran in Hausarrest.

Rasoul Khadem, 1996 Olympiasieger im Ringen, adressierte via Instagram den iranischen Präsidenten, Ebrahim Raisi, und kritisierte die staatliche Repression. "Was ist der Zweck all dieser Bemühungen, Millionen von Iranern einzusperren?", schrieb Khadem, dem fast eine halbe Million Menschen folgen.

Die kritischen Worte der Sportler sind nicht neu. Schon nach den Wahlen 2009, als der unterlegene Kandidat, Mir Hossein Mussawi, und seine Anhänger Betrug witterten und die "Grüne Bewegung" versuchte, die Machthaber zu stürzen, solidarisierten sich namhafte Fußballer. Beim WM-Qualifikationsmatch gegen Südkorea im Juni 2009 trugen sieben Spieler, darunter Kapitän Mehdi Mahdavikia und Ali Karimi, grünes Tape an ihren Handgelenken. Schon 2017 sprach sich Karimi, der mit dem FC Bayern deutscher Meister und mit Schalke deutscher Pokalsieger wurde, für eine Lockerung der Vorschrift aus, keine Frauen in Fußballstadien zuzulassen. "Millionen von Frauen verlangen, Fußballspiele live zu sehen", sagte er damals. "Dieser Traum kann Wirklichkeit werden." Auch mit der aktuellen Protestbewegung hat Karimi seine Solidarität erklärt, auf Instagram, wo ihm 14 Millionen Menschen folgen, allerdings aus dem Ausland. Im Frühjahr ist er mit seiner Familie nach Dubai ausgewandert.

Demos vor den Stadien

An den Stadiontoren mobilisieren die Frauen seit Jahren. Seit 2005, als sich 100 Frauen Zutritt zum entscheidenden WM-Qualifikationsmatch gegen Bahrain verschafften, fordert die Gruppe "Open Stadiums" die Abschaffung der Regelung. Regelmäßig riefen die Aktivistinnen zu Demonstrationen vor Stadien auf, machten bei Auswärtsspielen des Teams auf ihr Anliegen aufmerksam und schrieben einen offenen Brief an Fifa-Präsident Gianni Infantino, von dem sie verlangten, er solle ihre Anliegen unterstützen.

Langsam bewegten sich die Machthaber. Seit 2018 durften Frauen unregelmäßig bei Länderspielen zuschauen, bei Esteghlals Saisonauftakt im August waren 30 Prozent des Stadions, also 28.000 Karten, an Frauen ausgegeben. Es war das erste Ligaspiel seit 1981, bei dem nicht nur Männer zuschauen durften. Seitdem die Rebellion im September ausgebrochen ist, gibt es in der Liga aber fast nur noch Geisterspiele. Auch beim Super Cup war kein Publikum zugelassen — aus Sicherheitsgründen, wie es hieß.