Im Dezember geriet im japanischen Okinawa der Sport an seine Grenzen. Bei der "Battle Of The Year", so etwas wie der Weltmeisterschaft im Breakdance, verließ die chinesische Mannschaft plötzlich die Halle. Denn die Vertreter aus Taiwan hatten etwas getan, das sie in den Augen ihrer chinesischen Mitbewerber nie hätten tun dürfen: Sie hatten die Nationalflagge ihres Landes geschwenkt.

Nach Auffassung des von Peking aus regierten Festland-Chinas existiert Taiwan aber nicht als eigenständiger Staat, sondern gehört zum Territorium Chinas. Die Insel vor der chinesischen Südküste, auf der 24 Millionen Menschen leben, wird zwar eigenständig und demokratisch regiert. Aus Peking aber kommt in den vergangenen Jahren regelmäßig die Ankündigung, man werde Taiwan mit dem Festland vereinen - notfalls unter Zwang. Immer wieder patrouillieren chinesische Kriegsschiffe vor der taiwanischen Küste, Flugzeuge dringen in den Luftraum ein.

Taiwanesische Flaggen sind für Chinas Sportler ein rotes Tuch. - © apa / afp / G. Kirk
Taiwanesische Flaggen sind für Chinas Sportler ein rotes Tuch. - © apa / afp / G. Kirk

Diese angespannte politische Lage macht sich auch im Sport bemerkbar. "Privat sind die B-Boys Freunde", sagt Emma Chen, selbst Tänzerin und Promovierende an der National Taiwan Normal University in Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan. "Die chinesischen Breaker wollten das auch nicht. Aber zwischen Freunden und Vaterland müssen sie sich für das Vaterland und Politik entscheiden." Emma Chen schreibt ihre Doktorarbeit über die Bedeutung des Breakdance außerhalb des Ursprungslandes USA. In Taiwan werde die einstige Straßenkultur gerade zum Politikum.

Denn bei der "Battle Of the Year", einem seit den 1990er Jahren bestehenden Turnier, zeigten die Taiwanesen jedes Jahr ihre Flagge. "Man weiß auch nicht, warum es ausgerechnet in diesem Jahr so ein Problem für China wurde. Aber die Sache mit Taiwan und China ist hier ein großes Thema", sagt Chen. "Die Regierung Taiwans nutzt die Sache auch populistisch, so kann sie die Spannungen mit China für ihre Politik nutzen. Medien spitzen das in ihren Berichten noch zu."

Schließlich fühlt sich Taiwan von der Volksrepublik China bedroht. 1949 hatten die chinesischen Nationalisten um ihren Anführer Chiang Kai-shek den chinesischen Bürgerkrieg gegen die Kommunisten verloren und waren auf die Insel Taiwan geflohen, die sie "Republik China" nannten. International galt zunächst Taiwan als anerkannter Vertreter Chinas - es hatte den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat inne und vertrat China bei Olympischen Spielen.

Abtrünniges "Chinese Taipei"

Als aber die USA ab 1972 begannen, anstelle von Taiwan die Volksrepublik als das "wahre China" anzuerkennen, sah sich Taiwan zunehmend international isoliert. Sport galt dem damals noch diktatorisch regierten Inselstaat als Ausweg. "Über die letzten Jahrzehnte wurde Sport wiederholt eingesetzt, um Taiwan auf die internationale Bühne zu bringen", sagt Li-Hong Hsu, Professor an der National Taiwan University of Sport. "Aber China blockiert natürlich alles, solange wir nicht das Ein-China-Prinzip anerkennen, das besagt, es gebe nur ein China. Derzeit sind wir am Tiefpunkt."

Ab den späten 1970er Jahren, als dies anderswo weitgehend vernachlässigt wurde, veranstaltete die Insel viermal ein Fußballturnier für Frauen, lud auch Deutschland und Frankreich ein. Aktuell sorgen Spieler im E-Sport für Aufsehen, sie gelten als Konkurrenten der oft führenden Südkoreaner. Bei Olympia ist Taiwan nicht im Ansatz so erfolgreich wie das größere Festland-China, holt aber immer wieder Medaillen. Andererseits: Wegen Widerstands aus Peking kann Taiwan international weder als "Taiwan" noch als "Republik China" antreten. Daher lautet der offizielle Olympianame seit 1984 "Chinese Taipei". Alles, was diesen Konsens bricht, gilt als Skandal. So berichtete der in China bekannte Influencer Jeddy nach dem Breakdancewettbewerb im Dezember: "Während der Probe entdeckte die chinesische Truppe plötzlich, dass eine falsche Flagge auftauchen sollte. Das Team verhandelte sofort mit den Organisatoren. Aber der anderen Seite war das egal. Und das chinesische Team zog sich entschieden zurück." Mit der "falschen Flagge" meint der Influencer die Nationalflagge Taiwans.

Kritik am Punktesystem

Das Ganze ist umso heißer, da Breakdance bei den nächsten Sommerspielen in Paris 2024 zur olympischen Disziplin wird. So forderte Huang Chih-hsiung, Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees, in einem Statement: "Die Regierung muss unbedingt mehr Mittel bereitstellen für beliebte Sportarten, die bisher zu wenig Geld haben, bei denen aber Potenzial bei Olympia besteht." Der Vorsitzende der taiwanischen Breakdancevereinigung hält einen Medaillengewinn in Paris für realistisch.

Vergangenes Jahr gewann ein taiwanisches Team ein internationales Turnier in Frankreich, an dem mehr als 50 Ländern teilgenommen hatten. Bei den Youth Olympic Games 2018 wie auch bei der "Battle Of The Year" im Dezember scheiterte Taiwan nur kurz vor dem Halbfinale. "Sie sind gut, sehr gut", sagt Chen. "Ob sie eine Medaille holen, wird auch vom Bewertungssystem abhängen. Das ist noch nicht veröffentlicht worden."

Chen betont, dass viele B-Boys und Girls den Gedanken, von Juroren bewertet zu werden, eigentlich ablehnen, weil Breakdance von seinen Ursprüngen her kein Sport sei, der sich in Punkten messen lasse. Auch hätten viele der Taiwanesen eben privat gute Beziehungen zu den Chinesen. Aber jetzt, wo das Ganze olympisch wird, ist es eben auch politisch. So wird für den Wettbewerb 2024 in Paris nicht nur auf der Insel intensiv trainiert. Auch Medien aus dem chinesischen Festland spekulieren darüber, wie die Chancen auf eine Medaille aussehen. Und auf eine sportliche Revanche für die jüngste Schmach in Okinawa.