Michael Schimpelsberger (l.) führt Österreichs U20 als Kapitän in die WM in Kolumbien. - © APA/ROLAND SCHLAGER
Michael Schimpelsberger (l.) führt Österreichs U20 als Kapitän in die WM in Kolumbien. - © APA/ROLAND SCHLAGER

Wien. Der Jubel war groß, und er ist es nach wie vor. Als sich das U19-Nationalteam vor ziemlich genau einem Jahr bei der Europameisterschaft für die U20-WM in Kolumbien, die am Freitag beginnt, qualifizierte, freute sich Fußball-Österreich über eine weitere Bestätigung für die in den vergangenen Jahren verbesserte Nachwuchsarbeit. "Man sieht, wie wir uns step by step ans oberste Niveau heranarbeiten", sagte ÖFB-Präsident Leo Windtner. "Das ist ein herausragender Erfolg", jubelte Andreas Heraf, der Trainer der Auswahl. "Und es ist ein weiterer Beweis für die hervorragende Nachwuchsarbeit in Österreich in den vergangenen Jahren."

Tatsächlich haben Österreichs Nachwuchsauswahlen in der vergangenen Dekade vorher kaum erreichbare Erfolge gefeiert. Die WM-Qualifikation für Kolumbien bedeutet die zweite U20-WM-Teilnahme in kurzer Zeit, schon 2007 war eine österreichische U20 bei der WM dabei und sorgte mit dem vierten Platz in Kanada für Aufsehen. Auch auf EM-Ebene gab es den einen oder anderen Erfolg, die U19 kam 2006 ebenso ins EM-Halbfinale wie sowohl U19 als auch U17 im Jahr 2003. Diese Erfolge haben den Bedeutungsgewinn, den der Nachwuchsfußball international erfahren hat, hierzulande noch verstärkt. Internationale Nachwuchsturniere werden inzwischen praktisch flächendeckend im Fernsehen übertragen, Zeitungen, Zeitschriften und Internetportale machen auf der fieberhaften Suche nach dem nächsten großen Star im Nachwuchsbereich begeistert mit. Auch die Zuschauerstruktur bei Nachwuchsspielen hat sich in der vergangenen Dekade geändert, berichtet Ralf Muhr, Akademieleiter bei Austria Wien. "Es kommen ein bisschen mehr Leute, aber vor allem eine andere Klientel. Scouts, auch aus dem Ausland, Berater und Trainer oder Manager aus dem eigenen Verein. Früher haben sich das nur Eltern und Freunde angesehen."

Doch was ist der Grund für die Leistungssteigerung im Nachwuchsfußball? Was die Ursache für die vermehrten Erfolge der Nachwuchsnationalteams? Vor gut zehn Jahren hat der ÖFB seine Nachwuchsarbeit reformiert, seither wird im österreichischen Fußball verstärktes Augenmerk auf die Ausbildung gelegt. Das Nachwuchskonzept, das unter der Federführung des technischen Direktors Willi Ruttensteiner umgesetzt wurde, trug bereits unterschiedliche Namen, in der Struktur gab es aber nur punktuelle Veränderungen.

Zwischen 10 und 14 Jahren werden die talentiertesten Spieler in Landesausbildungszentren zusammengezogen, wo sie bis zu vier Mal wöchentlich trainieren und am Wochenende bei ihrem Stammverein im Meisterschaftseinsatz sind. Die nächste Stufe in der Pyramide sind die 12 Akademien der Landesverbände und Bundesligavereine, in denen die Spieler von 15 bis 18 Jahren neben einer sportlichen auch eine schulische Ausbildung erhalten. Die Akademien bestreiten untereinander auch einen Meisterschaftsbetrieb, die größten Talente sollen sich in diesem Alter bereits in den Nachwuchs-Nationalteams beweisen. Danach ist ein Engagement entweder gleich in einer der beiden Profiligen oder bei einem Amateurteam eines Bundesligisten vorgesehen. Das Gros der rund 120 Akademieabgänger jährlich landet allerdings bei Regional- und Landesligisten. Da es insgesamt nur je zehn Bundes- und Erstligisten gibt, sind diese Abgänge aus dem Profibereich praktisch systemimmanent. "Das kann gar nicht anders sein", sagt Ruttensteiner.

Vervielfachte Mittel

Glücklich sind darüber freilich nicht alle, die im Nachwuchsbereich tätig sind. Rainer Setik, Akademieleiter bei Rapid, würde sich mehr Mannschaften in der Ersten Liga wünschen. So würden automatisch viele Spieler in den Regionalligen landen. "Das ist natürlich schon schade, wenn man sieht, wie viel Geld ein Verein für die Ausbildung in die Hand nimmt", sagt er. Der Mitteleinsatz hat sich in der Tat vervielfacht. Bei Rapid, schätzt Setik hat sich das Akademiebudget im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt hat. Sein Pendant bei der Austria, Ralf Muhr, geht sogar von einer Verfünffachung des Budgets für den Nachwuchsbereich aus. Für den ÖFB will sich Ruttensteiner nicht auf konkrete Zahlen festlegen lassen, freilich ist auch in diesem Bereich der finanzielle Einsatz deutlich gestiegen. Das lässt sich vor allem an der Betreuung der Teams ablesen. Die Trainerstäbe wurden aufgestockt, mittlerweile ist auch bei den Nachwuchsnationalteams ein Arzt, ein Physiotherapeut, ein Masseur und ein Sportpsychologe dabei.

Diese massiv gestiegenen Mittel sind ein wesentlicher Baustein für die größeren Erfolge des Fußballnachwuchses. Das gestiegene Budget wird hauptsächlich ins Umfeld investiert. Einerseits in die Infrastruktur, andererseits ins Personal. "In Trainer, Betreuer, Physiotherapeuten und Sportwissenschafter", wie Muhr erklärt. Derart umfassende Betreuung ist mittlerweile Standard und auch vom ÖFB, der die Akademie-Lizenzen vergibt, vorgeschrieben.

Neben den beiden Wiener Großvereinen haben in der Bundesliga Salzburg, Sturm Graz, Ried und die Admira eigene Akademien. Die restlichen sechs Akademien werden von den Landesverbänden getragen. Die Hauptarbeit der Ausbildung passiert in den Akademien, der ÖFB konzentriert sich auf die Lizenzvergabe und die Nachwuchs-Nationalteams. Dort ist der Unterschied zum Erwachsenen-Fußball nicht mehr sehr groß, erklärt U20-Teamchef Andreas Heraf, der auch schon mehrere Profimannschaften betreut hat: "Vom Fußballerischen her gibt es kaum einen Unterschied, bei den Nachwuchsteams ist man aber auch Pädagoge und Miterzieher."