Panezevys. (man) Für Litauen ist 2011 ein besonderes Jahr. Das Land feiert 20 Jahre Unabhängigkeit, zudem begeht Litauen den 70. Gedenktag der ersten Deportationen durch die Sowjets - und Litauen veranstaltet zum zweiten Mal insgesamt und erstmals seit 72 Jahren die Basketball-Europameisterschaft.

Diese drei Ereignisse mögen auf den ersten Blick kaum einen Zusammenhang haben, doch für das Selbstverständnis der Litauer sind sie alle drei elementar. Denn Basketball ist in Litauen fast schon mehr als Nationalsport. In der Broschüre der EM-Veranstalter heißt es: "In Brasilien schlafen sie vielleicht mit ihren Fußbällen, aber in Litauen essen, schlafen und beten wir mit unserem Basketball." Deshalb sind die Titelkämpfe auch das absolute sportliche Highlight des Jahres, die Spiele der Gastgeber waren binnen Stunden ausverkauft, im Internet werden die Tickets um den zehnfachen Preis angeboten.

Die Fans hoffen auf den zweiten Titel seit der Unabhängigkeit nach 2003. Bereits 1937 und 1939 war Litauen Basketball-Europameister. "Seitdem lieben die Litauer Basketball", sagt Arvydas Sabonis, eine litauische Basketballlegende.

Legendäres 92er-Team

Sabonis schrieb rund um die Unabhängigkeit des Landes Geschichte. Mit dem litauischen Vorzeigeklub Žalgiris Kaunas, auch heute noch ein europäischer Topklub, wurde er von 1985 bis 1987 dreimal in Folge sowjetischer Meister und besiegte im Finale jeweils den Armeeklub ZSKA Moskau. Das war für das basketballverrückte Land mit drei Millionen Einwohnern nicht nur ein Sporterfolg. "Während der Sowjetzeit war Žalgiris mehr als ein Team, die Spieler waren unsere Armee", erzählt Tomas Degutis, Geschäftsführer einer Basketballschule in Kaunas im "Deutschlandradio". Die Spieler zeigten sich mit der Unabhängigkeitsbewegung solidarisch.

Sabonis trug bei den Olympischen Spielen 1988 ein T-Shirt mit der Aufschrift Lietuva, wohl nur seine außergewöhnlichen Leistungen bewahrten ihn vor Sanktionen durch die sowjetischen Funktionäre. Er führte die Sowjetunion zur Goldmedaille. Vier Jahre später - nicht einmal ein Jahr nach der Unabhängigkeit - trat Sabonis bereits mit Litauen bei Olympischen Spielen an und holte für das junge Land die Bronzemedaille. Darüber drehte ein US-Team eine Dokumentation unter dem Titel "Das andere Dream Team", die im kommenden Jahr in die Kinos kommt.

Ein derart historischer Erfolg ist bei der Heim-EM schon aufgrund der Ausgangslage nicht möglich, der Druck auf das aktuelle Team ist trotzdem groß. Sarunas Marciulionis, bei der Bronzemedaille 1992 ebenfalls dabei, glaubt: "Durch diese Titelkämpfe hat das aktuelle litauische Team mehr Druck als jenes der 90er Jahre." Bei der letzten EM 2009 enttäuschte Litauen mit Rang elf, seit WM-Bronze vor einem Jahr ist der Optimismus wieder gestiegen. Erster großer Prüfstein ist Titelverteidiger Spanien am Sonntag (20 Uhr MESZ). Ein Titelgewinn ist auf jeden Fall keine leichte Aufgabe. Das Team muss in Linas Kleiza von den Toronto Raptors auf seinen größten Star, der verletzt ausfällt, verzichten. Da aufgrund des NBA-Lockouts diesmal ungewöhnlich viele NBA-Spieler bei der Europameisterschaft dabei sind, ist aber ein hochklassiges Turnier zu erwarten. Man könnte sagen, kaum ein Gastgeber hat sich das so verdient wie Litauen.