New York. (art) Es gibt heuer nicht viel, womit man Novak Djokovic in Bedrängnis bringen kann. Fragt man ihn aber die scheinbar banalste und zugleich schwierigste aller Fragen, jene, wie er sich selbst seinen Siegeslauf erklärt, kommt selbst der 24-Jährige, der auf dem Platz auf alles eine Antwort findet, ins Grübeln. "Eigentlich unnormal", sagt er dann, "unnormal, aber großartig" finde er das, was er seit seinem Daviscup-Triumph mit Serbien im Vorjahr so erreicht hat.

Wenn es noch irgendeines Beweises dafür bedurft hätte, er hätte ihn bei den US Open erbracht. Mit einem 6:2, 6:4, 6:7, 6:1-Finalerfolg über seinen Vorgänger in Flushing Meadows und als Nummer eins der Welt, Rafael Nadal, gewann er das Turnier, nachdem er vorher Roger Federer nach Zweisatzrückstand noch geschlagen hatte. Es war zwar schon sein insgesamt vierter Grand-Slam-Sieg, der dritte allein in diesem Jahr, in dem er neun weitere Turniere, davon fünf Masters-Veranstaltungen gewonnen hatte, aber vielleicht der Triumph, für den er am meisten hatte kämpfen müssen.

Zweimal war er bei den US Open schon im Finale unterlegen, in New York gilt er nicht unbedingt als Publikumsliebling, zudem schienen ihm, der früher gern den Pausenclown gegeben hatte, die mannigfaltigen Ablenkungen bei den US Open oft zu schaffen zu machen. Doch weder das, noch die Last, heuer erstmals als klarer Favorit ins Turnier zu gehen, konnten ihn diesmal stoppen. Und schon gar nicht die Konkurrenz, die ob seiner Leistungen zunehmend ins Staunen gerät. "Verrückt, was er macht", meinte etwa Rafael Nadal, der sich Djokovic nun schon zum sechsten Mal in dieser Saison geschlagen geben musste. "Außerirdisch", nannte ihn Tennislegende John McEnroe.

Tatsächlich mache er nicht viel anders als früher, behauptet Djokovic - und zugleich ist alles anders. Seit Ende des vergangenen Jahres ernährt er sich wegen einer Unverträglichkeit glutenfrei, was wohl ein Mitgrund für seine körperliche Stärke ist, er rutscht auch auf Hardcourts wie die anderen nur auf Sand, ist so flinker und früher am Ball und kann dadurch wiederum mehr Druck auf seine Gegner ausüben. Und anders als früher traut er sich das nun auch zu. "Wenn ich früher gegen Rafa oder Roger gespielt habe, habe ich oft nur auf ihre Fehler gewartet", sagt er. Nun erzwingt er diese mit aggressiven Schlägen, aber auch der Fähigkeit, seine Taktik umzustellen, wenn es die Situation erfordert. Als ihn beispielsweise Anfang des vierten Satzes im Finale Schmerzen im Rücken beim Aufschlag behindert hatten, habe er eben versucht, dabei weniger auf die Geschwindigkeit und stattdessen mehr auf die Präzision zu achten. "Da hat Rafa wohl schnellere Aufschläge erwartet und deshalb kürzer retourniert", glaubt Djokovic.

Freilich war auch Nadal am Ende von den Strapazen des Turniers gezeichnet, doch es ist auch diese Fähigkeit Djokovics, aus der Not eine Tugend zu machen, die ihn von seinen früheren Auftritten, bei denen er sich den Ruf des Nörglers eingebracht hatte, unterscheidet. Und der ihn selbstsicher sagen lässt, er wolle noch viele Grand-Slam-Turniere gewinnen.

"Ich habe mir und der Tennis-Welt noch genug zu beweisen", erklärt er. Es muss für Nadal, Federer und den Rest der Tennis-Welt wie eine Drohung klingen.