Kopenhagen. (sir) "Eigentlich", sagte Tony Martin vor dem WM-Zeitfahren in Kopenhagen, "eigentlich wäre Silber schon eine Enttäuschung." Er hat drei große Zeitfahren in diesem Jahr gewonnen, jenes bei der Dauphiné Libéré, der Tour de France und erst vor wenigen Wochen jenes bei der Vuelta. Doch nur einmal traf er dabei auf Fabian Cancellara, den vierfachen Weltmeister und Olympiasieger 2008 in dieser Disziplin. Er distanzierte ihn in Frankreich zwar um 1:42 Minuten, doch den Schweizer hatte die Tour arg mitgenommen. So richtig zählte dieser Vergleich nicht, vor allem nicht in Hinblick auf die WM und auf Olympia.

Doch jetzt hat es Tony Martin schwarz auf weiß. Er ist gegenwärtig der beste Zeitfahrer, auch ein fitter Fabian Cancellara hat ihn nicht bezwingen können. In den beiden vergangenen Jahren hatte der Schweizer den Titel souverän gewonnen, Martin war stets mit mehr als einer Minute Rückstand auf dem Bronze-Rang gelandet. Doch offenbar hat der 26-jährige Deutsche aus einer ganzen Reihe an Enttäuschungen die richtigen Schlüsse gezogen. Er hat sich spezialisiert und ist vom sehr guten Zeitfahrer zum derzeit Besten seiner Zunft geworden.

Es waren bittere Erkenntnisse, die Tony Martin vor allem bei der Tour de France machen musste. Auch in diesem Jahr, als er etwa beim ersten Anstieg hinauf nach Luz Ardiden schwer einging und mehr als neun Minuten auf die Spitze verlor. Es war der letzte Beweis, dass große Rundfahrten für Martin vielleicht doch zu groß sind. Dabei hat er auch alle Anlagen für einen Rundfahrt-Spezialisten, er belegte bereits Rang zwei bei der Tour de Suisse 2009 und gilt auf dem Berg als stark. Aber eben als nicht als stark genug, um wirklich ein Wort um die Gesamtwertung etwa bei der Tour de France mitzureden.

Richtige Entscheidung

Tony Martin stand irgendwie zwischen den Stühlen. Er war ein sehr guter Zeitfahrer und ein sehr guter Allrounder. Aber er war weder da noch dort der Beste. Offenbar dürfte bei ihm die Erkenntnis gereift sein, dass es im Zeitfahren für ihn leichter werden würde, ganz nach oben zu kommen. Außerdem werden im kommenden Jahr die Olympischen Spiele in London ausgetragen, eine Medaille im Zeitfahren ist da deutlich besser kalkulierbar als im Straßenrennen, das so viele Überraschungen bietet.

Seit Mittwoch ist Tony Martin wohl der Favorit auf Gold in London. Denn auf dem kurvigen Kurs in Kopenhagen distanzierte er Fabian Cancellara um mehr als eine Minute, obwohl diesem der Kurs eher entgegen kommen sollte als dem Deutschen.

Doch Martin flog mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 51,8 Stundenkilometern über den Asphalt von Kopenhagen. Nur auf den ersten Kilometern konnte Cancellara einigermaßen mithalten. Doch je länger das Rennen dauerte, desto größer wurde der Abstand. Im Ziel nach 46,4 Kilometern riss Martin die Arme in die Luft, er wusste, dass Cancellara geschlagen war.

Und das ist wie ein kleines Erdbeben in der Radwelt. Denn Cancellara war im Zeitfahren auf Sieg gebucht. Seit 2006 hat er stets Gold geholt, wenn er bei der WM war. Vor drei Jahren hatte er auf ein Antreten verzichtet, weil er kurz davor Olympiasieger geworden war. Nach Jahren des Dauererfolgs war der dritte Platz hinter Bradley Wiggins die erste große Niederlage seit Jahren für ihn.

Silber verlor er aufgrund eines Patzers kurz vor dem Ziel, als er zu schnell in eine Kurve ging, doch Gold war für Cancellara an diesem Tag einfach nicht drin. "Es ist ein Traum", sagte Tony Martin, der nach der Saison zum Quick-Step-Team wechseln wird. Doch was hat man dort mit ihm vor? Soll er sich weiter aufs Zeitfahren spezialisieren oder doch zum Rundfahrer werden?