Sitten. (sir) Der eigentliche Streitfall? Fast vergessen. Es geht längst ums Prinzip, und dieses Prinzip heißt Macht. Es sind zwei Fußballpräsidenten aus dem Wallis, einer aus Sitten und einer aus Visp, die einander dieser Tage einen erbitterten Kampf liefern. Wenn keiner nachgibt, könnte der Fußball eine nachhaltige Veränderung erfahren.

Auf der einen Seite dieses Konflikts steht Christian Constantin, Architekt und Unternehmer, vor allem aber exzentrischer Präsident des FC Sion. Auf der anderen Seite Sepp Blatter, der mächtigste Ballesterer, Chef der Fifa, und ein paar Steinwürfe von Sitten entfernt in Visp aufgewachsen.

Vor einigen Tagen hatte Blatter dem Schweizer Verband einen Brief geschickt. Der SFV hat bis 13. Jänner Zeit, den Fall Sion im Sinne der Fifa zu klären, andernfalls werde der Verband aus der Fifa ausgeschlossen. Das würde bedeuten, dass der FC Basel aus der Champions League gestrichen wird und die Nationalmannschaft bis auf weiteres keine offiziellen Länderspiele mehr bestreiten darf. Seit diesem Brief herrscht in der Schweiz große Aufregung.

Der eigentliche Anlassfall liegt schon Jahre zurück. Sion hatte Transfers nicht korrekt abgewickelt und war deshalb mit einer Transfersperre bestraft worden. Der Klub interpretierte diese Sperre aber anders als die Fifa und verpflichtete diesen Sommer Spieler, die zuerst von der Schweizer Liga eine Spielberechtigung erhielten, dann aber plötzlich doch nicht. Aus der allgemeinen Konfusion entwickelte sich nun dieser Prinzipienstreit mit Sprengkraft.

Wer darf im Fußball überhaupt sanktionieren? Welche Gerichtsbarkeit hat im Sport das Sagen? Wer entscheidet über Spielberechtigungen? Durfte die Uefa den FC Sion aus der Europa League ausschließen?

In den Sphären der Sportgerichtsbarkeit, bis hin zum internationalen Sportgerichtshof CAS, verlor Constantin seinen Kampf. Erst vor wenigen Tagen hatte der CAS ein Urteil gefällt und den Ausschluss Sions aus dem Europacup bestätigt. Doch Constantin hat längst den Weg der Sportgerichtsbarkeit verlassen und ist mehrfach vor ordentliche Gerichte gezogen. Dort punktete er zwar, doch hätte er dies laut Fifa-Statuten niemals tun dürfen.

Blatter wie Al-Gaddafi?


Die Regeln verbieten es Mitgliedern der Fifa, ordentliche Gerichte anzurufen. Bei arbeitsrechtlichen Fragen, wenn etwa Spieler Klubs auf Gehaltszahlungen klagen, wird dieser Weg zwar akzeptiert, nicht aber wenn Vereine gegen Sanktionen des Weltverbandes gerichtlich vorgehen. Doch das plant Constantin, sollte der Schweizer Verband den aktuell Dritten der Liga mit einem Punkteabzug und/oder einer Geldbuße bestrafen.

"Die Drohung der Fifa ist ein terroristischer Akt, gegen den wir juristisch vorgehen werden", sagte Constantin der "Basler Zeitung". In dem Interview verglich er Blatter sogar mit Muammar al-Gaddafi, als dieser "die USA bestrafen wollte und einen Anschlag auf ein Flugzeug einer amerikanischen Fluglinie verübte". Es werde Zeit, dass Blatter und Platini "zur Rechenschaft gezogen werden und endlich verschwinden".

Constantins Trumpf ist die Angst der Sportverbände vor ordentlichen Gerichten. Die EU hat dem Sport zwar in einem Konzeptpapier seine "Besonderheit" zuerkannt, allerdings ist vieles in dem "Weisbuch Sport" vorsichtig bis schwammig formuliert. So steht etwa geschrieben: "Was die regulatorischen Aspekte des Sports anbelangt, so kann nur von Fall zu Fall entschieden werden, ob eine bestimmte Sportregel mit dem EU-Wettbewerbsrecht vereinbar ist."

Wenn weder Constantin noch Blatter nachgeben, könnten EU-Instanzen bald gefordert sein, so einen Fall zu entscheiden. Und zwar mit unabsehbaren Folgen für den Sport.