Dass sich Ullrich bisher nie konkret dazu geäußert hatte, geschweige denn ein Geständnis abgelegt hätte, ist auch mit Betrugsklagen zu erklären, denen sich Ullrich unmittelbar nach seinem erzwungenen Karriereende gegenüber gesehen hatte. Er fühlte sich dadurch, wie er einmal bekundete, in seiner Existenz bedroht. Deshalb sagte er auch immer und immer wieder diesen einen Satz: "Ich habe nie jemanden betrogen." Und das mag, aus seiner Sicht, die immer nur die Innenansicht des Radsports war, vielleicht sogar stimmen. Denn in den neunziger Jahren war Epo schlichtweg das Wundermittel - enorm leistungssteigernd und lange Zeit nicht nachweisbar. Vielleicht haben damals nicht alle zu dem künstlichen Hormon gegriffen, doch es waren sicherlich nicht nur Ullrich und seine Spezi.

Jan UIlrich war vielmehr ein herausragendes Talent, ein vielleicht noch größeres, als es Lance Armstrong gewesen ist, der die Tour siebenmal gewonnen hat. Mit 19 war Ullrich schon Weltmeister, bei seiner ersten Tour vier Jahre später überraschte er die Radwelt mit Rang zwei in der Gesamtwertung. Vielleicht hätte Ullrich sogar mehr Erfolge gefeiert, wäre der Radsport sauber.

Sein Sieg im Jahr darauf machte Ullrich endgültig zum Star und Deutschland zur Radsportnation. Sein Aufstieg erinnerte an jenen der Schwimmerin Franziska van Almsick, die wie Ullrich in der DDR aufgewachsen war. Eine schöne Aufsteigergeschichte aus den neuen Bundesländern. Doch auch Van Almsick sah sich bald der Situation gegenüber, die Erwartungen der Nation nicht erfüllen zu können. Ein zweiter Platz bot Anlass zur Kritik.

Auch Ullrich radelte der Wiederholung seines Toursieges nach, aus Herakles wurde eine Art Sisyphos. Deutschland wollte ihn siegen sehen, doch er kam an Lance Armstrong einfach nicht vorbei. Irgendwann so um 2004 dürfte Ullrich dann erstmals bei Fuentes angerufen haben. Er musste für Deutschland gewinnen.